Michael Kunczik
Medien
und Gewalt
Diesen Text als PDF-Datei downloaden

Um die PDF-Datei anzeigen
zu können, benötigen Sie den kostenlosen Acrobat Reader
.
Zum
Forschungsstand: In meiner 1975 veröffentlichten Dissertation "Gewalt
im Fernsehen. Eine Analyse der potentiell kriminogenen Effekte",
in der die bis dahin vorliegenden empirischen Studien einer kritischen
Analyse unterzogen wurden, lautete das Resümee: "daß eine
Aggressivitätsreduktion aufgrund des Konsums violenter Fernsehsendungen
nicht zu erwarten ist. Genausowenig lassen sich empirische Belege für
eine durch Gewaltdarstellungen in den Unterhaltungssendungen des Fernsehens
bewirkte Aggressivitätssteigerung anführen. Im Fernsehen beobachtete
Gewaltakte nehmen ganz offensichtlich keinen Einfluß auf die Bereitschaft
der Rezipienten, selbst aggressives Verhalten zu zeigen." Es gab
damals im Gegensatz zu der Behauptung vieler Autoren keine wissenschaftlichen
Ansprüchen genügenden Studien, die die Gefährlichkeit von
Mediengewalt bewiesen. Was es gab, waren aber abenteuerliche Überinterpretationen
von Daten. Eine Vielzahl von Studien war ganz offensichtlich so angelegt,
daß sie das jeweils erwünschte Ergebnis - sei es durch Mediengewalt
bewirkte Aggressionssteigerung, Aggressionsreduktion oder Wirkungslosigkeit
- nachgeradezu zwangsläufig erbringen mußten. Selbst Datenmanipulation
konnte nachgewiesen werden. Vor diesem Hintergrund gab die These der Wirkungslosigkeit
den damaligen Forschungsstand korrekt wieder.
Inzwischen sind die
Kenntnisse über die Bedingungen, unter denen Mediengewalt negative
Effekte auf Kinder und Jugendliche haben kann, wesentlich größer
geworden. Die These der Wirkungslosigkeit ist nicht länger haltbar.
Vielmehr besteht aufgrund der heute vorliegenden Forschungsbefunde dahingehend
Konsens, daß Mediengewalt negative Effekte (insbesondere hinsichtlich
des Aufbaus bzw. der Stabilisierung violenter Persönlichkeitsstrukturen)
haben kann. Die hier von mir vertretene These, daß beim Vorliegen
entsprechender Randbedingungen Mediengewalt einen Beitrag zur Herausbildung
violenter Persönlichkeiten liefern kann, ist allerdings methodologisch
nicht einwandfrei begründet, denn sie basiert auf der Annahme, daß
die vielen im Feld erhaltenen sehr schwachen Beziehungen (Korrelationen),
die üblicherweise als Indikatoren für das Fehlen eines Zusammenhanges
interpretiert werden, in ihrer Gesamtheit doch auf das Vorhandensein eines
Zusammenhanges hindeuten. Das Argument ist, daß eine im Schnitt
recht schwache Beziehung für alle Probanden eines Samples für
einige Probanden bzw. bestimmte Subpopulationen eine durchaus starke Beziehung
bedeuten kann.
Zur Diskussion um
die Wirkungen von Mediengewalt: Während die wissenschaftlich gewonnenen
Erkenntnisse durchaus eine substantielle Weiterentwicklung darstellen,
gilt dies nicht für die Diskussion in der Öffentlichkeit. Hier
dominieren die Laien. Als Dr. Gerhard Stoltenberg im Oktober 1998 aus
dem Bundestag ausschied, faßte er auch seine Erfahrungen mit den
Medien zusammen und meinte u.a: "... es ist mittlerweile unübersehbar
geworden, daß die Warnungen namhafter Wissenschaftler (seit den
ersten Publikationen von David Riesman und Neil Postman) vor den suggestiven
Wirkungen visueller Medien, dem Übergewicht von Gewalt und sozialer
Desintegration, sich als sehr berechtigt erweisen." Hier haben wir
wieder das altbekannte Phänomen: Politiker, die von der Medienwirkung
keinerlei Ahnung haben, maßen sich falsche Urteile über die
Wirkungen der Medien an. Dabei bezog sich Stoltenberg auf höchst
zweifelhafte Autoren. David Riesman ist beim besten Willen kein Kommunikationswissenschaftler,
und Neil Postman ist kein Wissenschaftler, sondern er ist ein sich selbst
inszenierendes Medienereignis.
Stoltenberg ist aber
kein Einzelfall. Das große Interesse der Öffentlichkeit an
der Thematik hat dazu geführt, daß sich viele Politiker zur
Gewalthematik geäußert haben. So klagte Bundeskanzler Helmut
Schmidt im November 1979 über "zuviel Totschlag, zuviel Grausamkeit,
zuviel Katastrophe in der Nachrichtengebung" und warnte: "Auch
das hat erzieherische Wirkungen auf junge Menschen! Und zwar stärker
als durch die Bild-Zeitung! Mit anderen Worten: der öffentlich-rechtliche
Charakter der Fernseh-Anstalten erscheint mir dringend wünschenswert
für eine humane Gesellschaft ..." Zugleich prophezeite Schmidt
eine unter dem Einfluß des Zwanges, hohe Einschaltquoten erzielen
zu müssen, durch Kommerzialisierung erfolgende Spirale der Programmverflachung.
Dreizehn Jahre später, im November 1992, sah sich Bundeskanzler Helmut
Kohl veranlaßt, in einem Schreiben an den Vorsitzenden des Rundfunkrats
des Südwestfunks massiv gegen die erfolgte Ausstrahlung des Films
Terroristen zu protestieren: "Mein dringendes Anliegen an Sie ist:
Tragen Sie dafür Sorge, daß künftig im Programm des SWF
keine Sendungen ausgestrahlt werden, in welchen die Ausübung von
Gewalt gegen die Repräsentanten unseres Staates dargestellt wird."
Mediengewalt ist immer
noch ein aktuelles Thema, was insbesondere darauf zurückzuführen
ist, daß das Monopol der öffentlich-rechtlichen Anstalten inzwischen
nicht mehr existiert. Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber
forderte Anfang September 1993 eine gesellschaftliche Ächtung von
Mediengewalt. Über Gewalt in den Medien solle nicht länger diskutiert
werden, sondern es müsse etwas unternommen werden. Ähnlich forderte
Bundesinnenminister Manfred Kanther 1993 eine Ächtung von Gewalt.
Die Politik zeichne nicht für die Gewaltdarstellungen im Fernsehen
verantwortlich. Wenn man die hohe Zahl der Morde auf der Mattscheibe betrachte,
meinte der Minister, "dann brauchen wir nicht erst lange nach möglichen
Effekten suchen." Der Minister führte weiter aus: "Hinter
jeder Gewalt- oder Porno-Szene im deutschen Fernsehen steht die Entscheidung
eines Journalisten. ... Der Vorwurf, wer private Medien zugelassen hat,
trage nun die Verantwortung für ihr Programm, ist schlicht dümmlich."
Eine zweifellos der Diskussion würdige Behauptung, denn während
zu den Zeiten, da das öffentlich-rechtliche Fernsehen allein für
das Fernsehprogramm verantwortlich zeichnete, die Thematik der Gewaltdarstellungen
kein Problem war, beschweren sich nun diejenigen Politiker, die aktiv
an der aus politischen Gründen erfolgten Einführung des kommerziellen
Fernsehens beteiligt waren, am meisten über die Gewalt. Dabei hätte
es keinerlei prophetischer Gaben bedurft, um zu wissen, was Kommerzialisierung
zunächst auch bedeutet, nämlich aus Gründen der Zuschauermaximierung
mehr Gewaltdarstellungen. In seiner Untersuchung über die öffentlich-rechtlichen
Rundfunkunternehmen zwischen öffentlichem Auftrag und marktwirtschaftlichem
Wettbewerb schreibt Harry Gundlach: "Die Vergrößerung
der Programmvielfalt im geöffneten Fernsehmarkt geht mit einer programmstrategisch
intendierten Steigerung der Reizintensität der Bilder einher. Das
hat auch zu einer Zunahme von Gewaltdarstellungen und Sexualität
im Fernsehen geführt." Wie formulierte doch Helmut Thoma als
Geschäftsführer von RTL treffend: "... der Wurm muß
dem Fisch schmecken und nicht dem Angler." Die Situation erinnert
an Goethes Zauberlehrling: Man wird die Geister, die man rief, nicht mehr
los und versucht nunmehr, die Journalisten bzw. die Medien zum Sündenbock
zu machen. Womöglich steht dahinter auch der Versuch, die Medien
über die Gewaltproblematik unter Druck zu setzen und Ansatzpunkte
für eine Zensur zu schaffen. In diesem Zusammenhang sei auf den Aufruf
gegen das "Schund-und-Schmutz-Gesetz" vom Oktober 1926 verwiesen,
an dem sich auch Thomas Mann beteiligte: "Wir rufen auf, die Geistesfreiheit
in Deutschland zu schützen. Die Regierung hat in aller Stille ein
Gesetz vorbereitet, das vorgibt die Jugend zu bewahren. Es maskiert sich
als Gesetz gegen Schmutz und Schund. Hinter dem Gesetz verstecken sich
die Feinde von Bildung, Freiheit und Entwicklung."
Das ungebrochene Interesse
der Öffentlichkeit an Mediengewalt verdeutlicht der Leitartikel "Brutale
Bilder" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 24. November 1999.
Kurt Reumann behauptet: "Es ist ein alter Streit, ob die Darstellung
von Gewalt in den Medien Gewalt verhindern hilft (Abschreckung, Ventil
der Gewalt) oder ob sie Gewalt provoziert. Für beide Auffassungen
gibt es empirische Beweise zuhauf. Beide scheinen daher zuzutreffen; es
fragt sich nur, auf wen und unter welchen Bedingungen." Diese Aussage
trägt dem Stand der Forschung absolut nicht Rechnung und ignoriert
den weitgehenden Konsens, der darin besteht, daß durch Mediengewalt
niemand friedlicher wird und daß Mediengewalt durchaus zur Gewaltsteigerung
beiträgt.
Erwartungen an die
Forschung: Die in Öffentlichkeit und Politik generell vorhandene
Skepsis gegenüber den Sozialwissenschaften ist gegenüber der
Medienwirkungsforschung besonders ausgeprägt. Es gibt, da ja jeder
täglich Umgang mit den Massenmedien hat, in bezug auf deren Wirkungen
weit verbreitete populärwissenschaftliche Vorstellungen, zu deren
Verbreitung die Massenmedien selbst beitragen. Häufig sieht man sich
selbst als überlegenen, kritisch distanzierten Medienkonsumenten,
der durch Mediengewalt nicht gefährdet ist, aber die anderen (die
Masse der Bevölkerung) werden als durch die Massenmedien extrem gefährdet
betrachtet (Verdammung der Massen durch die Massen). Die weite Verbreitung
laienhafter Vorstellungen über die Medienwirkung bildet ein ausgesprochen
starkes Hindernis für die Akzeptanz wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Entsprechen die Resultate einer Studie den Erwartungen, dann wird dies
als Beweis dafür gewertet, daß man ohnehin schon alles weiß
und die Kommunikationswissenschaft nichts Neues zu bieten hat. Sind die
Resultate einer Studie mit diesen Vorstellungen nicht kompatibel, dann
werden sie in der Regel zunächst ignoriert. Ein markantes Beispiel
für die Qualität der öffentlichen Diskussion bildete etwa
die Zeitschrift Die Woche, die laut SPIEGEL (9, 1993, 233) geschrieben
hat: "Wir brauchen ihn nicht, den hieb- und stichfesten Beweis, daß
die Gewaltwelt der Teleindustrie mit der zunehmenden Gewaltbereitschaft
von Kindern und Jugendlichen zu tun hat. Wir wissen auch ohne Professoren,
wo Zusammenhänge bestehen und wo nicht."
Typisch für qualitativ
ungenügende Berichterstattung über Medienwirkungen ist auch
der SPIEGEL. Um die vorgefaßte These von der großen Gefahr
des Fernsehens für die Kultur stützen zu können, zitiert
der SPIEGEL (19, 1989) ausführlich einen in der Publizistik- und
Kommunikationswissenschaft aus gutem Grund vollkommen unbekannten Berliner
Literaturwissenschaftler namens Dieter Zimmermann, der allen Ernstes behauptet,
Fernsehen wirke wie eine Vollnarkose, wie eine seelische Vergewaltigung.
Die Kinder gerieten in eine Art Trance, weshalb sie ruhig vor dem Bildschirm
sitzen würden. Dieser Autor behauptet: "Wenn ein Kleinkind einen
Bleistift vom Boden aufhebt, lernt es mehr als nach einer Stunde fernsehen."
Dies ist eine absolut unsinnige und unhaltbare Behauptung.
Eines der Hauptprobleme
der Kommunikationswissenschaft im Umgang mit der Öffentlichkeit besteht
darin, daß die Wissenschaftler nicht richtig kommunizieren können.
Peter Glotz hat der Kommunikationswissenschaft zu recht Unfähigkeit
im Umgang mit der Öffentlichkeit vorgeworfen. Die seriöse Forschung
gebe sich versonnen dem Design von interessanten Detailstudien hin und
überlasse zugleich das Feld der öffentlichen Meinung solchen
Autoren wie Neil Postman ("Das Verschwinden der Kindheit", "Wir
amüsieren uns zu Tode" ), dessen grandiose Irrtümer bzw.
abstrusen Vorstellungen von den Wirkungen der Medien Hertha Sturm so trefflich
entlarvt hat. Diese Werke sind wissenschaftlich nur aus einer Warte interessant:
Ihre hohe Popularität ist ein Indikator für weitverbreitete
kollektive Ängste hinsichtlich möglicher negativer Wirkungen
des Fernsehens. Der Erfolg solcher Publikationen scheint darin begründet,
daß einfache, für jedermann leicht nachvollziehbare, monokausale
(wenngleich auch falsche) Erklärungen für die Problematik der
Medienwirkung angeboten werden.
In der öffentlichen
Diskussion dominieren die Kulturpessimisten. So attackierte der Medienpädagoge
Glogauer 1993 massiv eine vom ZDF gesendete Serie: "Die ... in grellen
Farben angepriesene Sendung gibt nicht nur das gesamte gesellschaftliche
Leben der Lächerlichkeit preis, sondern sie zielt auf systematische
Zersetzung aller positiven zwischenmenschlichen Werte, wie Achtung vor
dem anderen, Toleranz und Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft und Gemeinsinn,
konstruktive Problemlösung und nicht zuletzt Bildung und Wissen.
Darüber hinaus schrecken die Macher der Sendung nicht davor zurück,
die Negation dieser Werte, ihre Umkehrung, an deren Stelle zu setzen:
Das rücksichtslose Ausleben jeglicher Impulse und Affekte, hemmungslose
Aggressivität und Destruktivität werden geschürt und verherrlicht.
Hinter einer vordergründig menschlich anrührenden Komik verbirgt
sich eine radikale Entmenschlichung." Diese offensichtlich schreckliche
und menschenverachtende Serie, vor welcher der Autor meint, das geschätzte
Publikum schützen zu müssen, ist die Zeichentrickserie Die Simpsons.
Wenn schon diese lustige und harmlose Serie sozusagen als Ausgeburt des
Teufels charakterisiert und attackiert wird, dann bleibt zu fragen, was
denn vor dem Urteil Glogauers überhaupt noch Bestand haben könnte?
Programme voller Friede, Freude, Eierkuchen, die dann doch keiner sehen
will. Mit dieser Polemik soll keine Verharmlosung möglicher negativer
Effekte massenmedialer Gewaltdarstellungen erfolgen. Das Gegenteil ist
der Fall, denn zur Besorgnis besteht durchaus Anlaß. Gleichwohl
ist davor zu warnen, daß sozusagen das Kind mit dem Bade ausgeschüttet
und schließlich Zensur ausgeübt wird. Wenn Glogauer behauptet
, mindestens jedes zehnte Gewaltverbrechen, das jugendlichen Tätern
angelastet werde, gehe "eigentlich aufs Konto der Medien", dann
ist das unhaltbar.
Erschwerend für
die Verbreitung neuer Erkenntnisse der Wirkungsforschung ist allerdings,
daß von der Öffentlichkeit bzw. den Journalisten erwartet wird,
die Resultate der Wirkungsforschung müßten einsichtig und allgemein
verständlich sein, wobei selbst bezüglich der Sprache der Wissenschaftler
erwartet wird, sie solle frei von Fachtermini sein - ein Ansinnen, das
an einen Naturwissenschaftler oder Mediziner nicht herangetragen werden
würde. Es ist für die Kommunikationswissenschaft nicht untypisch,
daß Forschungsergebnisse von Praktikern ignoriert bzw. als irrelevant
bezeichnet werden. Dies hat Herbert Selg für die Problematik der
Wirkung von Pornographie belegt. Zu den Konsequenzen des Reports der 2.
Kommission zur Wirkung von Pornographie in den USA schreibt Selg: "Der
Auftraggeber, die amerikanische Regierung, akzeptierte den P-Report nicht.
Der Senat verwarf ihn mit 76:3 Stimmen und Präsident Nixon gelobte,
in der Kontrolle und Beseitigung des 'Schmutzes' (smut) nicht nachzulassen.
Man darf getrost unterstellen, daß Senat und Präsident den
Report nicht aus Erkenntnis seiner Schwäche ablehnten, sondern weil
er ihren Meinungen (Vorurteilen) nicht genügend entsprach. Man verließ
sich auf den Common sense."
Derartiger Common
nonsense ist weit verbreitet. So hat nach einer Meldung von Reuters vom
30.3.1983 die New Zealand Health Foundation endlich eine der Hauptursachen
der Gewalt in der neuseeländischen Gesellschaft entdeckt: Der Bösewicht
ist die Muppets?Show. Auch der Hartmann-Bund erklärte in Bonn im
April 1993 zum Weltgesundheitstag, Gewalt im Fernsehen sei schädlich:
"Gewalt, Sex und brutale Reality-Shows im Fernsehen führen ...
zu erheblichen psychischen Schäden bei Kindern und Jugendlichen.
Die Ärzte hätten immer mehr mit solchen Folgeschäden zu
tun." Diese mit der höchst zweifelhaften Methodologie der Do
It Yourself Social Science gewonnen Erkenntnisse werden in der Öffentlichkeit
verbreitet. Die These, Mediengewalt führe in aller Regel zu gesteigerter
Aggressivität, ist schon fast zur kulturellen Selbstverständlichkeit
geworden und wirkt ganz offensichtlich anders als die Anhänger dieser
These es wünschen, nämlich womöglich gewaltsteigernd.
In zwei empirischen
Studien, nämlich einer Befragung von Psychologen und Psychiatern,
die sich vor allem mit verhaltensauffällig gewordenen Kindern beschäftigen,
sowie einer Befragung von Richtern und Staatsanwälten konnte aufgezeigt
werden, daß Jugendlichen, die verhaltensauffällig geworden
bzw. gar vor Gericht gestellt worden waren, diese These sehr wohl kennen
und zu ihrem eigenen Vorteil einsetzen. Es ist ganz offensichtlich sowohl
in den Praxen der erwähnten Psychiater und Psychologen als auch vor
Gericht alles andere als ungewöhnlich, daß Jugendliche argumentieren,
nicht sie seien schuld, sondern das Fernsehen mit seiner vielen Gewalt.
Hier liegt eine bislang übersehene Gefahr massenmedialer Gewaltdarstellung
(besser: der öffentlichen Diskussion über deren Wirkungen):
Das Wissen des potentiell delinquenten bzw. violenten Individuums, durch
den Verweis auf die Massenmedien die Verantwortung für das eigene
Verhalten ex post facto als minimal hinstellen bzw. gar ganz abwälzen
können. Das Erlernen kriminellen bzw. violenten Verhaltens schließt
das Erlernen von Rationalisierungstechniken ein, die es einem Individuum
erlauben, ein günstiges Selbstbild zu bewahren, wenn zugleich ein
mit einem solchen Selbstbild unvereinbares Verhalten gezeigt wird. Rechtfertigungen
(Rationalisierungen) schützen das Individuum vor Selbstvorwürfen
nach dem Begehen einer Tat. Es besteht auch die Möglichkeit, daß
sie einer Tat (z.B. einer Vergewaltigung) vorausgehen und das kriminelle
Verhalten erst ermöglichen. Solche Rechtfertigungen wären z.B.
Verneinung des Unrechts ("Vergewaltigungsmythos") oder die Ablehnung
des Opfers, das bekomme, was es verdiene. Die Ablehnung der Verantwortung
als Rationalisierungstechnik erlaubt es, sich selbst als fremdbestimmt
und als Spielball externer Kräfte zu sehen (Billardball-Konzeption).
Zum Forschungsstand
und den wichtigsten Thesen: Die Thematik "Medien und Gewalt",
die schon über Jahrhunderte hinweg diskutiert wird , ist auch heute
noch von großer Aktualität. Obwohl es keinen Bereich der Medienwirkungsforschung
gibt, zu dem mehr Studien vorliegen, ist die Publikationsflut ungebrochen.
Schätzungen gehen von inzwischen über 5.000 Studien zur Gewaltthematik
aus, wobei die Quantität der Veröffentlichungen allerdings wenig
über die Qualität der Forschungsergebnisse aussagt. Von der
Quantität her gesehen überwiegen Studien zur Wirkung fiktiver
Gewalt gegenüber Studien, die nach den Auswirkungen von Berichten
über reale Gewalt. Im folgenden wird unter personaler Gewalt (Aggression)
die beabsichtigte physische und/oder psychische Schädigung einer
Person, von Lebewesen und Sachen durch eine andere Person verstanden.
Eine solche Definition ist keineswegs problemlos (wie wird z.B. die Absicht
erschlossen oder unbeabsichtigte, aber vom Empfänger als aggressiv
wahrgenommene Verhaltensweisen eingestuft? usw.), wobei insbesondere das
Alter der jeweiligen Probanden von entscheidender Bedeutung ist, denn
erst ab ca. 7 bis 8 Jahren sind Kinder in der Lage, die Absicht des Angreifers
und nicht die Schwere des zugefügten Schadens zur Beurteilung eines
Verhaltens heranzuziehen.
Es sei nochmals herausgestellt,
daß in der Forschung weitgehend Konsens besteht, daß, zumindest
was bestimmte Individuen (z.B. durch hohe Aggressivität und soziale
Isolation charakterisierte männliche Jugendliche) und Problemgruppen
(z.B. aus einer violenten Subkultur stammende Jugendliche) angeht, eine
negative Wirkung von Gewaltdarstellungen (Nachahmungstaten, Aufbau violenter
Persönlichkeiten) anzunehmen ist. Hinsichtlich der Qualität
der Forschung gilt noch immer ein Resümee, das die DFG-Kommission
Wirkungsforschung 1986 gezogen hat, nämlich daß die Forderung
nach der einen Theorie der Medienwirkung nicht erfüllbar ist, weil
die Medien und ihre Inhalte viel zu verschieden wären. Auch sind
die Randbedingungen, unter denen die Medien wirken, viel zu komplex, als
daß es möglich ist, sie in einem konsistenten Satz von Hypothesen
zusammenzufassen. Auf die komplizierte Frage nach der Wirkung kann keine
einfache Antwort gegeben werden.
Auf der anderen Seite
aber trägt die Wissenschaft selbst in erheblichem Ausmaß zur
Verwirrung bei. Ein Musterbeispiel dafür ist der Forschungsbericht
"Television and Behavior", (U.S. Department of Health and Human
Services; Rockville 1982). Auf Seite 89 ist innerhalb eines einzigen Absatzes
zu lesen, daß die jüngsten Forschungsergebnisse die früheren
Befunde bestätigen würden, wonach zwischen Fernsehgewalt und
späterer Aggressivität eine Kausalbeziehung bestehe. Wenige
Zeilen später steht, bislang habe keine einzige Studie den eindeutigen
Nachweis dafür erbracht, daß der Konsum von Fernsehgewalt zu
späterer Aggressivität führe. Im Forschungsreport selbst
wird, um die Konfusion noch zu vergrößern, eine Panel-Studie
von Milavsky u.a. ("Television and aggression. Results of a panel
study") veröffentlicht, in der trotz größter Bemühungen
keinerlei Effekte von Mediengewalt festgestellt werden konnten.
Auch sogenannte Meta-Analysen,
in denen versucht wird, die zu einem bestimmten Untersuchungsgegenstand
vorliegenden Studien einer statistischen Reanalyse zu unterziehen, reflektieren
den desolaten Forschungsstand. Es ist bislang nicht gelungen, die zur
Problematik Medien und Gewalt vorliegenden Studien in ihrer Aussagekraft
zu bündeln. Bereits eine Analyse der zum speziellen Forschungsbereich
Habitualisierung (Abstumpfung) durch Mediengewalt vorliegenden Befunde
zeigt, daß die in den Studien erhaltenen Ergebnisse bruchstückhaft,
zusammenhanglos und widersprüchlich sind. Viele Autoren beschränken
sich auf eine unkritische Systematisierung der Forschung und berücksichtigen
im Design einzelner Studien liegende Probleme nicht. Aber es gilt: Schlechte
Studien werden nun einmal nicht dadurch besser, daß man sie immer
wieder zitiert. Ein gutes Beispiel für die Wiederholung alter Fehler
in Form abenteuerlich anmutender Kausalbeziehungen ist eine häufig
unkritisch zitierte Studie von Brandon S. Centerwall , in der die Einführung
des Fernsehens für eine 10-15 Jahre später - nach dem Heranwachsen
der ersten TV-Generation - erfolgte Verdoppelung der Mordrate verantwortlich
gemacht wird. Der Autor versteigt sich gar zur Quantifizierung der Anzahl
von Straftaten, die ohne das Fernsehen hätten verhindert werden können.
Ausgewählte Thesen
zur Wirkung von Gewaltdarstellungen : Die Katharsisthese, die sich bis
auf Aristoteles zurückführen läßt, kann als widerlegt
angesehen werden. Anhänger der Katharsisthese, die zumeist von der
Existenz eines angeborenen Aggressionstriebes ausgehen, behaupten, durch
das dynamische Mitvollziehen von an fiktiven Modellen beobachteten Gewaltakten
in der Phantasie werde die Bereitschaft des Rezipienten abnehmen, selbst
aggressives Verhalten zu zeigen (Postulat der funktionalen Äquivalenz
der Aggressionsformen).
Nach der Habitualisierungsthese
nimmt durch den ständigen Konsum von Fernsehgewalt die Sensibilität
gegenüber Gewalt ab, die schließlich als normales Alltagsverhalten
betrachtet werden soll. Eine Meta-Analyse der zur Habitualisierungsthese
vorliegenden Forschungsbefunde, in der insgesamt 30 Studien zu dieser
Thematik für den Zeitraum 1983 bis 1992 identifiziert wurden, zeigte,
daß die Habitualisierungsthese noch der empirischen Untersuchung
bedarf. Die Habitualisierungsthese ist keineswegs neu. Insbesondere im
Zusammenhang mit der Diskussion um die schädlichen Effekte von im
Stummfilm gezeigter Gewalt wurde dies diskutiert. Als seinerzeit die Bundesministerin
für Frauen und Jugend Angela Merkel 1993 von einer "Spirale
der Reizüberflutung" sprach, meinte sie, Rezipienten würden
sich zunehmend an die im Fernsehen gezeigten gewaltsamen Inhalte gewöhnen.
Diese Gewöhnung gehe soweit, daß die im Fernsehen gezeigten
Inhalte mit immer mehr Gewalt produziert werden müßten, um
den Zuschauer in einer Situation des Wettbewerbs zwischen verschiedenen
Anbietern an einen Sender zu binden. Die Folge sei ein Publikum, das gegenüber
einer zunehmenden Gewaltpräsentation im Fernsehen immer resistenter
werde. Dieses Argument ist interessant, aber nicht neu. So klagte etwa
Victor Noack klagte im Jahre 1912 über die "Kienschundfabrikanten"
und die von ihnen produzierten Titel, die in gar furchtbaren Filmplakaten
beworben würden: "Verkauft, Geldgier, Des Lebenden Gruft, Die
rote Herberge, Die Stunde der Rache, Das Opfer im Keller ... Und die Bilder
dazu! Die dargestellten Figuren toben, schreien, röcheln. Die Gesten
bekunden tödliche Angst oder brutale, vernichtende Raserei. Die Augen
stieren wie im Wahnsinn, blutunterlaufen." Noack verwies auf den
kommerziellen Hintergrund und die gesamtgesellschaftliche Bedeutung der
Schundfilme, wobei auch auf die Problematik der Abstumpfung verwiesen
wird, die dazu führe, daß immer stärkere Reize angeboten
werden müßten: "Der Kapitalist macht's Geschäft,
die Ausgebeuteten sind nicht nur die schlecht besoldeten Operateure, Klavierspieler,
Erklärer usw.; ausgebeutet wird in erster Linie das Publikum, die
Masse, deren Schaulust, Sensationslüsternheit und Empfänglichkeit
für erotische Stimulantia der Kientopp-Unternehmer spekulativ in
Rechnung stellt, und auf deren kontinuierliche Steigerung er deswegen
eifrig bedacht ist."
Ein anderer Autor,
Willy Rath, verwies ebenfalls auf den kommerziellen Erfolg der Sensationsdramen
und stellte die auch für die Gute Alte Zeit zentrale Frage: "Will
denn das Volk den Schund?" Der kommerzielle Erfolg war die Antwort
auf diese Frage. Nur wenige Autoren sahen positive Effekte der Mediengewalt.
Dazu gehörte Alfred Döblin, der 1909 in Das Theater der kleinen
Leute über deren Vorliebe für Gewalt und Sensationen im Stummfilm
reflektierte. Die Konsequenz ist für Döblin durchaus positiv
einzuschätzen: "... der Kientopp ein vorzügliches Mittel
gegen den Alkoholismus, schärfste Konkurrenz der Sechserdestillen;
man achte, ob die Lebercirrhose und die Geburten epileptischer Kinder
nicht in den nächsten zehn Jahren zurückgehen. Man nehme dem
Volk und der Jugend nicht die Schundliteratur noch den Kientopp; sie brauchen
die sehr blutige Kost ohne die breite Mehlpampe der volkstümlichen
Literatur und die wässerigen Aufgüsse der Moral."
Bereits im Wilhelminischen
Deutschland fragte man nach geschlechtsspezifischen Varianten der Wirkung
von Mediengewalt. P. Max Grempe konstatierte 1912/13 in einem Aufsatz
mit dem bezeichnenden Titel Gegen die Frauenverblödung im Kino: "Nachweislich
wirkt das bewegliche Lichtbild mit seinen eindringlichen Darstellungen
außerordentlich nachhaltig auf jeden, sogar auf Männer. Manch
ein Besucher ist schon bei aufregenden Szenenreihen ohnmächtig geworden.
Angesichts der größeren seelischen Erregbarkeit, dem Vorwiegen
des Gefühlslebens bei der Frau, müssen die lebenden Lichtbilder
auf sie noch viel stärker wirken als auf den Mann. Wer sich die Mühe
macht, im Kino die andächtig schauenden Frauen aufmerksam zu beobachten,
der wird den unverwischbaren Eindruck mit nach Hause nehmen, daß
viele Besucherinnen unwiderstehlich gepackt, ja bis in die Tiefen ihrer
Seele aufgewühlt werden."
Die eher simple Suggestionsthese,
die besagt, daß die Beobachtung von Mediengewalt beim Rezipienten
zu einer mehr oder weniger direkt anschließenden Nachahmungstat
führe, wird in der wissenschaftlichen Literatur nicht mehr vertreten.
Es sind aber eine Reihe von Studien veröffentlicht worden, deren
Resultate die These stützen, daß für bestimmte Rezipienten
das Konzept der Suggestion unter bestimmten Bedingungen zur Erklärung
von in der natürlichen Umgebung auftretenden Effekten des Konsums
von Mediengewalt geeignet ist. So stieg die Selbstmordziffer nach der
Veröffentlichung von Berichten über Selbstmorde (z.B. von Marilyn
Monroe). In Anlehnung an Goethe wird hier vom Werther-Effekt gesprochen.
Die medieninduzierte Nachahmung von Selbstmorden ist empirisch bestätigt.
Lerntheoretische Überlegungen:
Die Theorie des Beobachtungslernens, in der zwischen Erwerb und Ausführung
eines Verhaltens unterschieden wird, wird zumeist auf den amerikanischen
Psychologen Albert Bandura zurückgeführt, der sie seit den 60er
Jahren entwickelt hat. Weitgehend unbekannt ist, daß Kaspar Stieler
schon im Jahre 1695, in Zeitungs Lust und Nutz, eine differenzierte, fast
schon moderne Theorie des Lernens durch Beobachtung vertrat, als er darauf
verwies, daß in den Zeitungen "oft von einem verrichteten Bubenstück
berichtet (wird) und die Art und Weise, wie solches angefangen und vollendet
sei, so ümständlich beschrieben wird, daß, wer zum Bösen
geneigt, daraus völligen Unterricht haben kann, dergleichen auch
vorzunehmen." Der Autor ging auch auf die Frage der kausalen Verursachung
von Verbrechen durch das Massenmedium Zeitung ein: "Aber was können
die Zeitungen an und vor sich selbst darzu? Die Heilige Schrift ist je
voll von Exempeln der Blutschande, des Ehebruchs, des Diebstahls und anderer
vieler Laster mehr, sie setzet aber auch darzu die Strafe zur Warnung:
Gleich wie die Zeitungen nicht ermangeln bald die genaue Aufsuchung und
Nachfrage, bald die aller schärfste Rache der Obrigkeit und einen
elenden Ausgang solcher Leute Verbrechen anzufügen." Diese Überlegung
kann auch auf die Wirkungen von Gewaltdarstellungen im Fernsehen angewandt
werden, denn die gängige inhaltliche Struktur von Gewaltdarstellungen
im Fernsehen ist derart, daß die Täter in der Regel am Ende
des Handlungsstranges bestraft werden. Verbrechen (in Fernsehfilmen) lohnt
sich nicht.
Zur Einordnung der
hinsichtlich mittel- und langfristiger Wirkungen erhaltenen Befunde sind
m.E. lerntheoretische Überlegungen am besten geeignet. Allerdings
kann auch die Lerntheorie nicht alle Aspekte berücksichtigen, wie
etwa auf der Ebene von Individuen die Angstproblematik oder auf der gesamtgesellschaftlichen
Ebene die Frage der Schaffung anomischer Situationen. Aus der Sicht der
Lerntheorie werden die Menschen weder als allein durch innere Kräfte
angetrieben noch als allein durch Umweltstimuli vorwärtsgestoßen
gesehen. Die psychischen Funktionen werden vielmehr durch die ständige
Wechselwirkung von Determinanten seitens der Person und seitens der Umwelt
erklärt. Dieser reziproke Determinismus besagt, daß Erwartungen
Menschen beeinflussen, wie sie sich verhalten, und daß die Folgen
dieses Verhaltens wiederum ihre Erwartungen verändern. Das Verhalten
der Menschen ist dadurch ausgezeichnet, daß sie durch die symbolische
Repräsentation absehbarer Ereignisse zukünftige Konsequenzen
zu Beweggründen gegenwärtigen Verhaltens machen können.
Die meisten Handlungen sind also weitgehend antizipatorischer Kontrolle
unterworfen. Diese Fähigkeit, in der Zukunft mögliche Konsequenzen
auf gegenwärtiges Verhalten zurückzubeziehen, fördert vorausschauendes
Verhalten und zwar auch in bezug auf violentes Verhalten. Die Ausübung
aggressiven Verhaltens ist normalerweise Hemmungen unterworfen, d.h. solche
regulativen Mechanismen wie soziale Normen, Furcht vor Bestrafung und
Vergeltung, Schuldgefühle und Angst unterbinden vielfach das Manifestwerden
von Aggression. Ferner ist Verhalten nicht situationsübergreifend
konsistent, d.h. Jugendliche verhalten sich in der Regel unterschiedlich
aggressiv gegenüber Eltern, Lehrern, Gleichaltrigen usw.
Im Kontext der Lerntheorie
wird berücksichtigt, daß Handeln durch Denken kontrolliert
wird, daß verschiedene Beobachter verschiedene Merkmalskombinationen
von identischen Modellen übernehmen und auch zu je neuen Verhaltensweisen
kombinieren können. So gesehen ist auch der Befund, daß Kinder,
die keine Präferenz für violente Medieninhalte besitzen, auch
nach langdauerndem Kontakt mit Mediengewalt keinerlei Neigung zeigen,
dieses Verhalten nachzuahmen, kein Widerspruch zur Lerntheorie. Angesichts
der vorangegangenen Überlegungen sowie des Tatbestandes, daß
das Fernsehen ja nur ein Faktor neben vielen die Persönlichkeitsentwicklung
beeinflussenden Faktoren ist, wäre in Feldstudien ein Muster von
relativ schwachen positiven Korrelationskoeffizienten zwischen dem Konsum
von Fernsehgewalt und der späteren Aggressivität zu erwarten.
Betrachtet man die in den verschiedenen Ländern durchgeführten
Studien, dann ergibt sich genau dieses Muster, obwohl die auch qualitativ
sehr unterschiedlichen Studien in doch recht verschiedenen Umwelten durchgeführt
worden sind. Neben dem Problem der interkulturellen Vergleichbarkeit gibt
es noch weitere methodische Probleme, die bei diesem Verfahren des Vergleichs
von Studien nicht beachtet werden. So ist neben der Messung der Aggression
auch die Operationalisierung des Konsums von Mediengewalt (z.B. durch
die Erfassung der Programmpräferenzen) sehr problematisch. Während
die einzelnen Korrelationskoeffizienten jeweils für sich nicht kausal
interpretierbar sind, deutet das Gesamtmuster der Befunde auf einen Einfluß
des Fernsehens auf spätere Aggressivität hin. Die in den Feldstudien
erhaltenen Resultate entsprechen auch von der Stärke her den Erwartungen,
die aufgrund lerntheoretischer Überlegungen gehegt werden. Die Koeffizienten
variieren ungefähr zwischen 0,1 und 0,2, d.h. etwa zwischen 1% und
4% des späteren aggressiven Verhaltens wird in den Feldstudien durch
den zuvorigen Konsum von Fernsehgewalt erklärt.
Allerdings hat sich
die Konvention durchgesetzt, Korrelationskoeffizienten, deren Stärke
geringer als 0,2 ist, als unbedeutend und uninterpretierbar nicht weiter
zu beachten. Der Einwand, daß die erhaltenen Koeffizienten zu schwach
sind, berücksichtigt nicht, daß eine im Schnitt recht schwache
Beziehung für alle Probanden eines Samples für einige Probanden
bzw. Subpopulationen eine durchaus starke Beziehung bedeuten kann. So
scheint bei bestimmten Personen ein sich selbst verstärkender Prozeß
in dem Sinne vorzuliegen, daß der Konsum violenter Medieninhalte
die Wahrscheinlichkeit des Auftretens aggressiven Verhaltens, (aggressiver)
Einstellungen und/oder (aggressiver) Phantasien erhöht. Dadurch wiederum
steigt die Wahrscheinlichkeit, daß violente Medieninhalte als attraktiv
angesehen werden, was wiederum die Zuwendung zu aggressiven Medieninhalten
fördern. Zu den Faktoren, die einen derartigen Prozeß begünstigen,
können u.a. niedriges Selbstbewußtsein und soziale Isolation,
die mit erhöhtem Fernsehkonsum verbunden ist, gehören. Von entscheidender
Bedeutung hinsichtlich möglicher negativer Effekte von Mediengewalt
auf Kinder und Jugendliche ist aber die familiäre Situation: Kinder
aus intakten Familien sind sehr wenig gefährdet, weil genügend
kompensierende Einflüsse vorhanden sind..
Auch für das
Erlernen von Aggression gilt, daß zunächst 1. die unmittelbare
familiale Umwelt sowie 2. die Subkultur bzw. die Gesellschaft, in der
man lebt, die Quellen sind, aus denen aggressives Verhalten erlernt wird.
Erst an dritter Stelle treten dann die massenmedial angebotenen symbolischen
aggressiven Modelle hinzu. Es scheint so zu sein, daß Gewaltdarstellungen
auf die Mehrheit der Betrachter keine oder nur schwache Effekte haben,
aber bei bestimmten Problemgruppen womöglich starke Wirkungen zeigen.
Die Schwierigkeit für die Forschung liegt darin, herauszufinden,
wie man solche Problemgruppen erreicht. Einen ersten Schritt in diese
Richtung stellt eine Befragung von klinischen Psychologen und Psychiatern
dar. Es bestand die Vermutung, daß Kinder und Jugendliche, die mit
psychischen Störungen in psychologischer oder psychiatrischer Behandlung
sind, eine derartige Problemgruppe bilden dürften. Die Expertenbefragung
ergab u.a., daß aufgrund der Berufserfahrung zum überwiegenden
Teil von einer eher schädlichen Wirkung der Gewaltfilme ausgegangen
wird. Zu den Symptomen gehören insbesondere aggressives Verhalten,
Schlafstörungen und Übererregbarkeit. Besonders die Aktivation
aggressiven Verhaltens durch den Konsum von filmischer Gewalt wird berichtet.
Sehr häufig wurde angeführt, daß Kinder und Jugendliche,
wenn sie darauf angesprochen werden, versuchen, ihr eigenes aggressives
Verhalten durch Vorbilder aus Gewaltfilmen zu rechtfertigen (Rationalisierungsthese).
Bei den Psychologen haben 63%, bei den Psychiatern 66% diese Erfahrung
schon häufig oder gelegentlich gemacht. Daß Kinder oder Jugendliche
von sich aus sagen, das Fernsehen habe Einfluß auf ihr Verhalten
genommen, ist ebenfalls keine Seltenheit in der beruflichen Praxis der
Psychologen und Psychiater. Von den Psychologen gaben 41%, von den Psychiatern
42% an, solche Erfahrungen schon häufig oder gelegentlich gemacht
zu haben. Hier scheint sich die öffentliche Diskussion über
die Gefahren von Mediengewalt in der Tat bereits in konkrete Schuldzuweisungen
an das Medium Fernsehen niederzuschlagen.
Hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen Geschlecht und Medienwirkungen
bestand hohe Übereinstimmung: 94% der befragten Psychologen und 85%
der Psychiater sahen mögliche Auswirkungen häufiger bei Jungen.
Kein Befragter sah Mädchen als eher gefährdet an. Besonders
wichtig ist, daß die Befragten einen deutlichen Zusammenhang zwischen
der häuslichen Situation und dem Gewaltfilmkonsum annahmen. Die Bedeutung
des elterlichen Vorbildes wurde herausgestellt und zwar sowohl deren Fernseh-
und Videokonsum als auch die Aggressivität der Eltern. Am häufigsten
wurde ein Zusammenhang zwischen vernachlässigendem Erziehungsstil
und Gewaltfilmkonsum der Kinder erwähnt. Fernseh- oder Gewaltfilmkonsum
wurden in keinem Fall von den Experten als Alleinverursacher einer Verhaltensauffälligkeit
bzw. Verhaltensstörung genannt, sondern immer nur im Zusammenhang
mit anderen Problemen aufgeführt. Trotzdem waren die Psychologen
und Psychiater bei fast jeder Fragestellung bereit, den Gewaltfilmen eine
negative, verursachende Rolle zuzugestehen: Gewaltfilme bewirken demnach
Aggressivität, prägen Rollenverhalten und nehmen negativen Einfluß
auf die Schulleistung. Auffällig ist der in vielen Fällen genannte
Zusammenhang zwischen der häuslichen Situation - also dem Gewaltfilmkonsum
der Eltern, der Gewalttätigkeit der Eltern untereinander oder den
Kindern gegenüber, dem vernachlässigenden Erziehungsstil - und
dem kindlichen Konsum von Gewaltfilmen. Dies ist nicht überraschend,
denn wenn ein kompensierender Einfluß der Eltern fehlt, dann ist
die Gefahr besonders groß, daß negative Effekte auftreten.
Es kann m.E. als gesichert angesehen werden, daß bestimmte Subpopulationen
durch Gewaltdarstellungen gefährdet sind, während Kinder- und
Jugendliche, die in einem "intakten" sozialen Umfeld (Familie)
leben, nicht gefährdet zu sein scheinen. Die Konsequenz sollte sein:
In zukünftigen Untersuchungen sollten Personen mit einer starken
Ausprägung des Persönlichkeitsmerkmals "Aggressivität",
Kinder aus Problemfamilien, Personen aus sozialen Brennpunkten usw. besonders
berücksichtigt werden.
Eine weitere Expertenkategorie,
die aufgrund ihrer Erfahrungen mit straffälligen Jugendlichen möglicherweise
auch Aussagen über die Ursachen von Gewalt bzw. der den Medien dabei
zukommenden Rolle machen können, sind Richter und Staatsanwälte.
Eine Befragung dieser Berufsgruppe in Nordrhein-Westfalen ergab, daß
vor Gericht ein Einfluß massenmedialer Gewalt auf die Straftat relativ
häufig in Betracht gezogen wird. Fast die Hälfte der Befragten
gab an, eine solche Begründung ein- oder mehrmals von den Tätern
gehört zu haben, wobei die Antworten nahelegen, daß es sich
hierbei vor allem um Rationalisierungsversuche handelte. Auch diese Experten
erachten die von Mediengewalt ausgehende Wirkung auf die kriminelle Entwicklung
von Jugendlichen als bedenklich. Aber auch diese Experten betonen, daß
Medien nicht als alleine ausschlaggebend zu betrachten sind, sondern die
Rolle des erzieherischen Umfeldes, des Milieus sowie auch des Alkohol-
und sonstigen Drogengebrauchs zu berücksichtigen ist.
Die bisher dargestellten
Untersuchungen bzw. Thesen bezogen sich überwiegend auf Wirkungen
fiktiver Gewalt in den Medien, wobei die Wirkungen der Berichterstattung
über reale Gewalt nicht übersehen werden darf. Die wichtigsten
Befunde zu dieser Thematik sollen thesenartig zusammengefaßt werden
, wobei als Quintessenz gilt, was Hans Mathias Kepplinger 1991 auf den
Medientagen in München treffend formuliert hat: "Alles, was
Fernsehsender in ihrer aktuellen Berichterstattung im Bild zeigen, sollte
tatsächlich geschehen sein. Aber nicht alles, was tatsächlich
geschehen ist, sollte im Bild gezeigt werden."
1.Gewalt und Verbrechen
besitzen als Abweichung von der Norm einen besonderen Aufmerksamkeitswert
und haben damit eine besonders große Chance, als Nachricht veröffentlicht
zu werden. (Bad news are good news.)
2. Bei der Berichterstattung
über Gewalt werden bestimmte Aspekte ausgeblendet. Zwar wird zweifellos
sehr viel über Kriminalität und Gewalt (überproportional
häufig über schwere Verbrechen wie Morde) berichtet, aber vor
allem über individuelle Gewalt und weniger über Verbrechen von
Unternehmen, die z.B. zu physischen Schäden bei Arbeitnehmern führen.
3. Nachrichten über
Gewalt und Verbrechen werden intensiv konsumiert.
4. Individuen und
gesellschaftliche Gruppierungen, die keinen routinemäßigen
Zugang zum Nachrichtennetz haben, versuchen immer häufiger durch
Pseudo?Events, also speziell für die Medienberichterstattung nachrichtenwertadäquat
inszenierte Ereignisse (z. B. Demonstrationen, Gewalttaten etc.), Überraschung
bei den Journalisten auszulösen, damit über sie berichtet wird.
5. Medienaufmerksamkeit
kann als Belohnung wirken, deshalb ist bei der Fernsehberichterstattung
auf die ausführliche Darstellung von Gewalt zu verzichten. Dies gilt
sowohl für die Berichterstattung über Demonstrationen als auch
über Zuschauerkrawalle bei Sportveranstaltungen. Gewalttätern
(auch Terroristen) ist deshalb in den Massenmedien kein Forum zu geben.
6. Fernsehjournalisten
müssen wissen, daß allein ihre Anwesenheit Menschen dazu bewegen
kann, sich durch außergewöhnliche Aktionen (z.B. Gewalt) in
Szene zu setzen.
7. Werden bei der
Berichterstattung über Demonstrationen die gewaltsamen Aspekte zu
stark herausgestellt, dann kann die demokratische Demonstrationskultur
gefährdet werden, d.h. friedfertige Personen werden von der Teilnahme
abgeschreckt und violente Personen angezogen (dies gilt analog für
Berichte über Sportveranstaltungen wie z.B. über randalierende
Hooligans u.ä.). Die bildliche Darstellung von gewalttätigen
Demonstrationen im Fernsehen kann ferner polarisierend wirken, d.h. die
Positionen der Anhänger der Demonstranten und der gegen sie vorgehenden
Polizei können extremer werden und damit u.U. konfliktverschärfend
wirken.
8. Massive Kritik
an staatlicher Gewaltanwendung kann als Legitimationsgrundlage für
die Anwendung von Gegengewalt dienen.
9. Berichterstattung
über fremdenfeindliche Gewaltakte haben (zumindest in Deutschland)
weitere Straftaten stimuliert.
10. Zur Wirkung des
Reality-TV (Sendungen bei denen der Informationswert eines Ereignisses
zugunsten des Nervenkitzels bzw. Voyeurismus zurücktritt) liegen
kaum Untersuchungen vor. Es ist nicht ausgeschlossen, daß bestimmte
Formen des Reality-TV (z.B. gezeigte nachgestellte Hilfeleistungen) durchaus
positive Effekte haben können.
11. Zur sekundären
Viktimisierung, d.h. den Folgen der Medienberichterstattung über
ein Verbrechen für das Verbrechensopfer, liegen erst wenige Studien
vor, die aber zeigen, daß zum einen die journalistische Qualität
der Berichte häufig ungenügend ist, zum anderen aber in einigen
Fällen auch durchaus positive Konsequenzen für das Opfer auftreten
können. Besonders negativ ist die Berichterstattung für die
Opfer von Vergewaltigungen.
12. Berichterstattung
über Gewalt kann zu vergrößerter Zufriedenheit mit der
eigenen Situation führen, wenn sich die Gewalt in weiter Ferne ereignet.
13. Berichterstattung
über Gewalt ist notwendig, um ein gesellschaftliches Problembewußtsein
herzustellen. Das Entscheidungsdilemma des Journalisten zwischen Informationspflicht
und möglichen negativen Auswirkungen der Berichterstattung kann die
Wirkungsforschung nicht abnehmen. Hier ist die Selbstkontrolle der Journalisten
gefordert. Allerdings ist die Situation für Journalisten extrem schwierig,
da in vielen Fällen die Konsequenzen der Berichterstattung nicht
abzuschätzen sind. So kann z.B. die Berichterstattung über die
Schändung jüdischer Friedhöfe zu Nachahmungstaten führen,
die ihrerseits aber wiederum bewirken können, daß in der Bevölkerung
eine Diskussion in Gang kommt, wie man derartige Delikte in ihrer Entstehung
verhindern kann.
Ausblick: Wie eine
von der UNESCO in Auftrag gegebene Studie zeigt, ist Mediengewalt ein
globales Problem. Weltweit dient der Actionheld als Vorbild. Jo Groebel
schreibt: "Arnold Schwarzenegger als >Terminator< ist ein weltumspannendes,
kulturübergreifendes Phänomen. Weltweit kennen ihn 88 Prozent
der jugendlichen Fernsehzuschauer." Die Thematik Medien und Gewalt
wird auch in nächster Zeit nicht von der Agenda genommen werden.
Es sei nur auf die Diskussion um die Entwicklungen im Internet und um
aggressive Computerspiele verwiesen. Angesichts von spektakulären
Verbrechen, die durch Mediengewalt ausgelöst worden zu sein scheinen
oder aber auch sind und in der Öffentlichkeit immer hohe Beachtung
finden, neigen Politiker dazu, die Medien aus taktischen Gründen
als Sündenbock aufzubauen und als Hauptverantwortlichen für
eine angebliche Verrohung der Gesellschaft hinzustellen. Mit dieser Fixierung
auf die Medien wird zugleich davon abgelenkt, daß zur Bekämpfung
der tatsächlichen Ursachen von Gewalt (Armut, Arbeitslosigkeit, mangelnde
Zukunftsperspektiven usw.) womöglich nicht genügend getan worden
ist bzw. mehr getan werden könnte. Dies ist ein wichtiger Aspekt
der Gewaltdiskussion. Von dem sogenannten V-Chip (Violence-Chip), mit
dessen Hilfe Kinder vor dem Konsum von Gewalt, Sex und vulgärer Sprache
geschützt werden sollen, ist keine Problemlösung zu erwarten.
In Problemgruppen wird dieses Instrument wohl kaum genutzt werden.
Bei der Diskussion
um das Verhältnis Medien und Gewalt sollte mehr auf die nicht-violenten
Aspekte der Inhalte geachtet werden. Durch das Fernsehen können Ansprüche
bzw. Bedürfnisse (z.B. materieller Art) geschaffen werden, deren
Verwirklichung von den tatsächlichen Möglichkeiten her gesehen
auf legale Art und Weise nicht möglich ist. Erhöhte Kriminalität
bzw. Violenz kann die Folge sein. Abschließend sei nochmals betont,
daß trotz des unbestrittenen Gefährdungspotentials, beim Vorgehen
gegen Mediengewalt vor blindem Aktionismus zu warnen ist. Dies gilt insbesondere
für die Einführung von Zensur, denn eine einmal eingeführte
Zensur hat die Neigung, sich immer weiter ausufernd auch anderer Bereiche
zu bemächtigen. Die Pressefreiheit ist ein viel zu wertvolles Gut,
als daß man sie durch vorschnelle Rufe nach dem Zensor gefährden
sollte. Die Selbstkontrolle durch die in den Medien verantwortlichen Personen
dürfte ausreichend sein, um das Problem in den Griff zu bekommen.
|