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Ben
Bachmair
Der Pädagoge als Gärtner?
Die Gestaltung der lebenswelt mit Hilfe von Medienerziehung
Um nicht an einander vorbei zu reden, als erstes die Frage,
was denn zur Medienerziehung gehören könnte. Ich will
es konkret machen und mich auf beobachtete Situationen beziehen.
Ein Mädchen kommt mit einer Teletubbie-Puppe in den Kindergarten,
sehr stolz endlich auch eines der Objekte zu haben, die es sich
schon so lange gewünscht hat. Die Erzieherin ist alles
andere als glücklich, hat sie doch gelesen, Teletubbies
sollen die Sprachentwicklung eines Kindes ganz erheblich stören.
Ein anderes Beispiel: In einem von Eltern getragenem Kindergarten
gibt es erhebliche Auseinandersetzung, ob die von den Mädchen
heiß geliebte Puppe namens Baby Born mit in den Kindergarten
darf, ob auch der sündhaft teure Puppenwagen zulässig
ist. Die Fragen dazu lassen sich nach dem Muster der beiden
zitierten Situationen generieren.
Ja, wie bewerten? Was tun? Ob eine Erzieherin die Spiele-Software
von Nintendo nun gut oder schlecht findet, Kinder bringen sie
als Teil ihres Alltagslebens mit in den Kindergarten, in Form
von Stickern, von bei größeren Kindern aufgeschnappten
Gesprächsfetzen oder als Aufdruck auf dem T-Shirt. Da geht
es vorrangig nicht darum, die Fernsehserie im Kindergarten anzuschauen.
Sehr wohl ist dagegen wesentlich, Kindern zuzuhören, zur
Kenntnis zu nehmen, was sie aus dem Wochenende mitbringen, als
Objekte, Erfahrungen und auch als Wünsche.
Die pädagogische Idee des Bewahrens und eines Schonraums
für subjektive Entwicklung
Sollen Pädagoginnen und Pädagogen Kindern das Gespräch
oder die Aufmerksamkeit verweigern über das und zu dem,
was sie aus ihrem Familienalltag mit in den Kindergarten mitbringen,
vielleicht mit der Begründung, den Alltagsmedienkram und
den Konsumdruck nicht auch noch pädagogisch aufwerten zu
wollen?
Es gibt eine wichtige pädagogische Tradition, nach der
Kinder sich in einem Schonraum nach ihrer kindlichen Gesetzmäßigkeit
entwickeln dürfen und sollen. Rousseau hat dazu da Bild
des Wachsen-Lassens und des Pädagogen als Gärtner
formuliert. Es ist eine wichtige Idee, denn sie stellt ein Kind
als Subjekt ins Zentrum aller Erziehungsbemühungen und
verpflichtet Erziehung, die Verdinglichung von Kindern abzuwehren
und die Funktionalisierung von Erziehung aufzudecken. Praktisch
wird diese pädagogische Aufgabe mit dem Begriff des Kindeswohls,
dem z.B. Kinobetreiber oder Fernsehsender ihre Verwertungsinteressen
nachordnen müssen. Über diesen argumentativen Weg
führte der Gedanke des Schonraums und der kindlichen Selbstentfaltung
zum Jugendschutz. Kinder- und Jugendschutz ist in
der öffentlichen Vorstellung das vorrangige Mittel der
Medienpädagogik.
Bildung in der Lebenswelt des Alltags
Reicht der Gedanke des Schonraums? Ist diese Idee ein Garant,
damit Kinder nicht zu Objekten des Konsums und des Medienmarktes
werden? Dazu eine Gedankenlinie, die bei den Kindern und ihren
Konsumwünschen ansetzt. Wer den Lebensalltag mit Kindern
teilt, kann mit einer Zahl von Beispielen aufwarten, in denen
Kinder den Schonraum ganz und gar nicht wollen, wo er sie einengt,
ja, sie um Erfahrungen bringt. Schonraum, Erfahrungsraum, Gestaltungsraum
werden nicht allein schon wegen der guten Absicht Erwachsener
deckungsgleich. Um die Eigenständigkeit und Selbstständigkeit
herauszustellen, zu erproben oder zu behaupten, wollen Kinder
neben der Zuwendung der Erwachsenen, neben eigener Zeit und
eigenem Raum, all die Konsumartikel, die alle anderen auch haben,
wollen sie die Medien, die im Trend sind, wollen Grenzen mittels
Mediengenres testen, wollen sich auch abgrenzen und vieles mehr.
Solche Aktivitäten sind Teil einer Bildungsdynamik, die
im Spannungsfeld von Konsum und Lebensgestaltung liegt. Im 20.
Jahrhundert wurde das Alltagsleben der Menschen, wie das Alfred
Schütz vor 60 Jahren formulierte, zur vorrangigen
Wirklichkeit. In dieser Alltagswelt realisiert sich unser
Leben, indem wir Alltag als Lebenswelt gestaltend uns zu eigen
machen. Bis vor nicht allzu langer Zeit dominierten Arbeit und
Armut die Alltagswelt und verstellten der Mehrzahl der Menschen
den Weg, die eigene Lebenswelt zu gestalten. Heute sind mehr
und auch lustvollere Formen als die der Arbeit wichtig, um sich
die Welt anzueignen und als Lebenswelt zu gestalten.
Was heißt Gestalten, wenn die individuelle Aneignung massenhaft
verfügbarer, standardisierter Produkte, und das ist Konsum,
eine der vorrangigen Handlungsformen ist? Was heißt Gestaltung
mit der Pokémon-Software, mit den Tauschkarten, den Merchandising-Produkten?
Warum sollte dies nicht mit dem interessierten Zuschauen und
Zuhören der Erwachsenen beginnen, die entdecken, wie Kinder
die Konsumprodukte in ihre Spiele einbauen, wie sie sie nutzen,
um ihre Wünsche und Themen anzeigen? Entsteht nicht so
eine taktvolle Form der Interaktion zwischen den Generationen,
wobei sich die Elterngeneration schon ihrer Ausdrucks- und Gestaltungsformen
versichert hat und deshalb der Kindergeneration den Freiraum
lassen kann, sich auch Konsumobjekte dienstbar zu machen?
Erwachsenen, insbesondere Pädagogen bleibt die Aufgabe,
auf der Metaebene bewusst darüber zu wachen, ob und wie
medialer Konsum Kinder zu Objekten macht, ohne dabei die Perspektive
des interessierten und engagierten Gesprächspartners aufzugeben.
Hier ist auch die Auseinandersetzung um Grenzen angesagt. Sie
findet statt als Auseinandersetzung um die Grenzen eines kindlichen
Freiraums und Schonraumes, eines Raumes, der nicht nur Schutz
bietet vor medialen Übergriffen, sondern auch vor den selbstsicheren
Machtansprüchen der Grenzsetzer und Grenzschützer.
Konkret geht es vielleicht um so etwas Banales wie Pokémon-Sticker:
Haben oder nicht und, eventuell, was statt dessen? Entsteht
dabei nicht auch der Erfahrungsschatz alltäglicher Lebensgestaltung?
Ben Bachmair
Erziehungswissenschaftler, Medienpädagoge
Seit 1978 Professor für Erziehungswissenschaft, Medienpädagogik
und Mediendidaktik an der Universität GH Kassel.
Dekan des Fachbereichs Erziehungswissenschaft/Humanwissenschaften
der Universität GH Kassel.
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