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Norbert Neuss
Mit offenen Augen und Ohren
Dr. Norbert Neuss
Autor zahlreicher Publikationen zur Medienerziehung im Kindergarten,
lehrt an der Päd. Hochschule in Heidelberg Medienpädagogik.
Kontakt: www.dr-neuss.de
Kinder benötigen eine Orientierung in der Medienwelt. Deshalb
ist Medienpädagogik im Kindergarten kein Luxus, der im
Rahmen einer einzelnen Projektwoche abzuhandeln ist, sondern
muss Bestandteil des Bildungskonzeptes der Kindertageseinrichtungen
sein. Dass dies allerdings längst nicht umgesetzt wird,
hat zuletzt die Studie von Ulrike Six1 wissenschaftlich belegt.
In Bezug auf den Umgang mit Medien sowie die Einstellungen der
Erzieher/innen zu den Medienerlebnissen der Kinder lassen sich
nach wie vor zwei Haltungen feststellen. Ausgehend von der Einstellung,
dass Medieneinflüsse Kindern eher schaden als nutzen, wird
versucht, einen positiven Ausgleich zu den vielen vermuteten
Wirkungen zu schaffen. Der Kindergarten wird dabei als Schutz-
und Schonraum verstanden, der ein Gegengewicht zu den
vorgefertigten Erfahrungen aus zweiter Hand bildet. Erzieherisch
werden vor allem die elektronischen Medien gemieden und die
Medienerlebnisse der Kinder ignoriert oder verboten. Da aber
die Medien zum Alltag der Familien und der Kinder dazugehören,
entsteht schnell eine resignative Haltung gegenüber dem
Einfluss der Medien und den geringen erzieherischen Handlungsmöglichkeiten.
Eine weitaus produktivere Zugangsweise entsteht, wenn man die
Medien als Teil der Lebenswelt der Kinder akzeptiert. Ja mehr
noch! Eine Haltung die erkennt, dass Medien nicht nur Erfahrungen
einschränken, z.B. weil sie nur über das Auge und
das Ohr vermittelt werden, sondern dass sie Erfahrungen von
Kindern auch erweitern können. Zu diesem Lernprozess kann
der Kindergarten einiges beitragen, indem er eine bewusste frühkindliche
Medienbildung umsetzt. Ich spreche hier von Medienbildung, weil
ich damit eine Nähe zur aktuellen Bildungsdebatte2 herstellen
möchte, Medienbildung als Teil der Allgemeinbildung verstehe,
und weil dieser Begriff die Notwendigkeit eines Konzeptes für
den Kindergarten deutlicher hervorhebt als Erziehung.
Welche Bereiche umfasst eine frühkindliche Medienbildung?
Im Folgenden möchte ich fünf Bereiche frühkindlicher
Medienbildung knapp umreißen:
Medien als Erfahrungsspiegel betrachten: Kinder verarbeiten
aktiv die Erlebnisse, die sie beschäftigen, die sie emotional
bewegen oder die sie ängstigen, indem sie darüber
sprechen, phantasieren, zeichnen oder Rollenspiele machen. Dies
gilt für all ihre wichtigen Lebensbereiche (Familie, Kindergarten,
Medien usw.). Auch die Verarbeitung von Medienerlebnissen ist
ein wichtiger Bestandteil der frühkindlichen Erfahrungsbildung,
weil sich die Kinder dabei die Beziehung zwischen ihrem eigenen
Erleben und dem Medienerlebnis vor Augen führen können.
Außerdem drücken Kinder durch ihre Medienerlebnisse
auch ihre eigenen lebenswelt- oder entwicklungsbezogenen Themen3
aus. Ausgehend von den Medienerlebnissen der Kinder können
Erzieher/innen spielerische Methoden der Verarbeitung4 anbieten
(Situationsorientierung).
Medien zur Sensibilisierung der Sinne einsetzen: Wer
schon mal mit Kindern ein Fotoprojekt durchgeführt oder
eine Ton-Dia-Show erstellt hat, der weiß, wie diese Medien
zum genauen Hinsehen und Hinhören auffordern. Indem Kinder
in Medienprojekten (u.a. Trickfilm, Hörspiel, Video)5 selbst
gestalterisch mit Medien umgehen, lernen sie Medien zur Darstellung
eigener Ideen und Themen produktiv zu nutzen (Handlungsorientierung).
Die Projektarbeit6 mit Medien geschieht dabei immer in einer
sozialen Gruppe und lässt sich hervorragend zur Sinnessensibilisierung
(vor allem Auge und Ohr) und zur Phantasieförderung einsetzen.
Medien durchschauen helfen: Der Kindergarten hilft Kindern,
sich in der Welt zu orientieren. Dabei werden die Medien noch
weitgehend ausgeklammert. Es gibt aber Problembereiche des Fernsehverständnisses
und der Fernsehwirkungen, bei denen Kinder Hilfestellung und
Interpretationshilfen von Erwachsenen benötigen (Problemorientierung).
Solche Problembereiche sind z.B. das Verständnis von Fernsehgewalt
in Zeichentrickfilmen oder die mangelnde Unterscheidungsfähigkeit
zwischen Fernsehprogramm und Werbung.7 Es geht folglich darum,
ihnen beim Verstehen von Mediengestaltungen zu helfen und so
aktiv eine Fernsehlesefähigkeit zu fördern. Hierzu
können Erzieher/innen auf bestehende Materialien zurückgreifen,
um Projekte anzubieten, die nicht nur lehrreich sind, sondern
auch Spaß machen.8
Medien als kooperative Erziehungsaufgabe verstehen: Die
Einflüsse der Medien rufen bei jungen Eltern häufig
Fragen und nicht selten Sorgen und Verunsicherungen hervor.
Der Kindergarten sollte diese Fragen aufgreifen und als Ausgangspunkt
für tiefere Diskussionen über die Medienauswahl, familiäre
(Medien-)Erziehungsgrundsätze sowie Chancen und Gefahren
der Mediennutzung machen. Hier bietet es sich an, kooperative
Formen der Zusammenarbeit mit Eltern (Elternabend, Familienwochenende,
Elternnachmittage o.ä.) mit den Medienprojekten der Kinder
zu verknüpfen. Dabei tritt die Erzieherin nicht als Belehrende
auf, die den unwissenden Eltern den richtigen Erziehungspfad
zeigt (Kooperationsorientierung).
Medien als Bildungsmaterial bereitstellen: Sicher gibt
es in jedem Kindergarten Bilderbücher, manchmal auch einen
Kassettenrekorder, seltener einen Fernseher und kaum einen Computer.
All diese Medien aber bieten Kindern auf unterschiedliche Weise
Bildungsmöglichkeiten und sind Bestandteil kindlicher Primärerfahrung.
Einerseits machen Kinder Erfahrungen mit dem Medium selbst,
andererseits erschließen sie sich selbständig Informationen
oder Geschichten (Bildungsorientierung). Ihnen die Medien in
der heutigen Zeit vorenthalten zu wollen, bedeutet eine Einschränkung
von Er-fahrungs-, Erlebnis- und Informationsmöglich-keiten.
Der Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen kann mit Hilfe
unterschiedlicher Medien umgesetzt werden. Erzieher/innen können
Kinder bei ihren ersten Schritten am Computer pädagogisch
begleiten und ihnen positive Lernerfahrungen vermitteln.
Den letzten Aspekt möchte ich nun beispielhaft etwas näher
erläutern. Im Rahmen eines Computerprojektes9 beobachte
ich zwei Jungen, die dafür bekannt sind, dass sie Lernschwierigkeiten
und Konzentrationsprobleme haben. Deshalb sind sie insgesamt
etwas zurück, berichtet ihre Erzieherin. Ihr
machen die beiden Jungen sogar etwas Sorgen, weil sie ja zu
den Großen gehören und im Sommer in die
Schule gehen sollen. In einem Computerprojekt konnten die Erzieherin
dann etwas Erstaunliches feststellen: Beide begeben sich an
einen Computer und spielen mit der Software Zählen
und Ordnen. Dabei sind sie über einen Zeitraum von
über einer Stunde sehr konzentriert und unterstützen
sich beim Verstehen bzw. bei der Bewältigung der Aufgaben.
In anderen Situationen würden sie sich viel öfter
streiten und Blödsinn machen. Die Erzieherin
ist über ihr gemeinsames spielerisches Lernen sowie ihre
Konzentrationsbereitschaft geradezu verblüfft. Diese Szene
muss vor dem Hintergrund einer Widersprüchlichkeit gesehen
werden. Zum einen werden die ersten Lebensjahre als grundlegend
für den Erwerb unterschiedlichster Kompetenzen (sozial,
kognitiv, emotional, motorisch usw.) aufgefasst, gleichzeitig
wird aber das Bildungsverständnis des Kindergartens häufig
auf das soziale Lernen reduziert. Denken wir an das Beispiel
der beiden Jungen, so fällt es uns schwer einzuschätzen,
ob sie sozial, emotional oder kognitiv gelernt haben. Statt
also an starren pädagogischen Konzepten festzuhalten, sollten
die Kitas überlegen, wie pädagogische Ausrichtungen
erweitert werden können. Dabei sind die genannten Aspekte
zur frühkindlichen Medienbildung einzubeziehen. Es geht
aber nicht darum, aus dem Kindergarten eine Schule zu machen,
sondern die bestehende Angebotsvielfalt des Kindergartens um
lernintensive Bereiche (z.B. um einen Computerspielplatz) zu
erweitern.
Ein Allheilmittel ist der Computer nicht. Seine Multimedialität
unterstützt zwar die kindliche Motivation, sich mit Themen
intensiv auseinander zu setzen. Ob sein Einsatz aber lernförderlich
ist, hängt von der Qualität der Software, der pädagogischen
Einbindung und der individuellen Begleitung durch die Erzieher/innen
ab. Damit das Lernen mit dem Computer im Kindergarten sinnvoll
und begründet gestaltet wird, ist noch einiges in der Erzieher/innenaus-
und Fortbildung nach- bzw. aufzuholen.
Fassen wir also zusammen: Angesichts der Vielfalt von Themen,
Angeboten und Möglichkeiten, mit denen Kinder heute aufwachsen,
sowie der unterschiedlichen kindlichen Aneignungsweisen erscheint
eine konzeptionelle Eindimensionalität (z.B. Waldkindergarten,
spielzeugfreier Kindergarten, Internetkindergarten) fragwürdig.
Vielmehr kommt es bei der Formulierung eines Bildungskonzeptes
für den Kindergarten auf die Sicherung vielfältiger
Bildungsmöglichkeiten an. Darin eingeschlossen ist ein
medienpädagogisches Konzept der frühkindlichen Medienbildung.
Literatur
Norbert Neuss, Carola Michaelis: Neue Medien im Kindergarten.
Spielen und Lernen mit dem Computer.
Jünger-Verlagsgruppe Offenbach 2002, ISBN: 3-7664-9407-4
Six, Ulrike u.a.: Medienerziehung im Kindergarten. Theoretische
Grundlagen und empirische Befunde. Opladen 1998.
2 Vgl. Lill, Gerlinde: Bildung im Kindergarten neue Mode
oder alter Hut? In: klein&groß 2/2000, S. 612,
sowie die Diskussionen um die frühkindliche Bildung im
Anschluss der PISA-Studie.
3 Vgl. Neuß, Norbert: Medienspuren und handlungsleitende
Themen von Kindern erkennen und verstehen. In: Eder, Sabine/Lauffer,
Jürgen/Michaelis, Carola (Hrsg.): Bleiben Sie dran!
Medienpädagogische Zusammenarbeit mit Eltern. Ein Handbuch
für PädagogInnen. Bielefeld 1999, S. 6283.
4 Vgl. Neuß, Norbert/Zipf, Jürgen/ Pohl, Mirko: Erlebnisland
Fernsehen Medienerlebnisse im Kindergarten aufgreifen,
gestalten, reflektieren. München 1997.
5 Vgl. Eder, Sabine/ Neuß, Norbert/Zipf, Jürgen:
Medienprojekte in Kindergarten und Hort. Berlin 1999.
6 Frey, Karl: Die Projektmethode. Weinheim 1984.
7 Vgl. Aufenanger, Stefan/Neuß, Norbert: Alles Werbung,
oder was? Medienpädagogische Ansätze zur Vermittlung
von Werbekompetenz im Kindergarten. Kiel 1999.
8 sh. S. 10.
8 Vgl. Materialbaukasten Kinder und Werbung (erscheint
voraussichtlich 2002). Aktuelle Informationen dazu unter
www.dr-neuss.de
9 Vgl. Neuß, Norbert/Michaelis, Carola: Neue Medien im
Kindergarten. Spielen und Lernen mit dem Computer. Offenbach
2002.
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