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Thomas Krüger
Keine Angst vor jungen Menschen
Dr. Thomas Krüger ist Präsident der Bundeszentrale
für politische Bildung (bpb).
Politik interessiert mich nicht. Die sind doch eh alle
korrupt. diese Aussage kommt so oder ähnlich
von vielen Bürgerinnen und Bürgern, häufig vor
allem von jungen Leuten, die sich desillusioniert und genervt
von der Politikkultur der Erwachsenen abwenden. Welche Werte
vermitteln die Medien (jungen) Menschen in Deutschland zur Wahlkampfzeit?
In den medialen Arenen treffen die politischen Kontrahenten
aufeinander, jetzt warten alle auf das ultimative Duell der
Giganten schlagen wird sich derjenige besser, der telegener
mit der Kamera flirtet, entspannter auf dem Studiostuhl sitzt,
die Ernsthaftigkeit der Angelegenheit durch wohl dosierten Humor
aufzulockern weiß, um das Ereignis für die Zuschauer/innen
attraktiver zu machen. Denn Politik ist unattraktiv, verdrießlich,
langweilig, ihre Protagonist/innen nicht glamourös genug
für den Geschmack der politikfernen Spaßgesellschaft
oder?
Wie ist die Politik mit ihren teils verzwickten Inhalten, ihren
manchmal schwierig zu durchschauenden Prozessen an den Mann,
die Frau, vor allem aber an die Jugend zu bringen? Wie aktuelle,
öffentliche Debatten wie die nach dem Attentat von Erfurt
um die Suche nach Ursachen, Präventionsmöglichkeiten
und der Frage nach den gesellschaftlichen Werten an sich? Nach
den Ergebnissen der jüngsten Shell-Studie aus dem Jahr
2000, die nicht etwa eine Politikverdrossenheit der jungen Menschen
diagnostiziert hatte, sondern vielmehr die Jugendverdrossenheit
der Politik, machten sich Parteien, Fraktionen und Institutionen
auf, diesem Missstand Abhilfe zu verschaffen auch die
Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Seit ihrer
Neustrukturierung im vergangenen Jahr geht sie zum Teil für
die herkömmliche politische Bildungsarbeit recht unkonventionelle
Wege, nutzt neue Kanäle, um dem erweiterten Zielgruppenkatalog
der jungen Generation gerecht werden zu können.
Besonderes Augenmerk liegt dabei auf den jungen Menschen, die
bereits die Schule verlassen haben und weiter in ihren Peer
Groups sozialisiert werden, deren Eltern oder Ausbilder/innen
den Generationengraben einer Sozialisation über Musik,
Jugend- und Subkultur nicht mehr überwinden können.
Hier versucht die bpb als Institution einzuhaken und junge Erwachsene
da für die politische Bildung zu erreichen, wo sie sich
in ihre Lebenswelten zurückgezogen haben. Mit diesen Herangehensweisen
experimentiert die bpb und hat bisher sehr gute Erfahrungen
gemacht.
Den Elfenbeinturm eher akademisch ausgerichteter politischer
Bildungsarbeit hat sie verlassen.
In Kooperation mit diversen Partnern veranstaltete die bpb beispielsweise
im vergangenen Jahr das Festival HipHop Franco-Allemand im Rahmen
der Musikfestspiele Saar. Vor dem Hintergrund zunehmender rechtsradikaler
und rassistischer Einflüsse in Jugend- und Musikkulturen
ist dieses deutsch-französische Festival eine wichtige
Plattform für eine Jugendkulturszene, die Rassismus ablehnt
und Selbstorganisation und Austausch praktiziert.
Mit dem Graffitti-Contest Arbeit, Freizeit, Angst,
der im September 2001 lief, wollte die bpb das Potenzial künstlerischer
Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen
weiter erschließen und fördern, denn insbesondere
für Jugendliche sind sie integraler Bestandteil ihrer Sozialisation.
In seinen Ursprüngen ist HipHop international, selbstorganisiert
und politisch. Erfahrungen mit alltäglichem Rassismus sind
im HipHop ebenso Thema wie das Leben in Deutschland als nicht-deutschstämmiger
HipHop-Aktivist, Kommerzialisierung und credibility.
Das Motto Arbeit, Freizeit, Angst pointiert diese
Themen und formuliert gleichzeitig zentrale Begriffe der politischen
Debatte. Diese Themen in einem aus der Szene heraus entstandenen
ästhetischen Medium wie Graffiti zu behandeln, eröffnet
neue Formen der Diskussion über politische und soziale
Erfahrungen. Zumal in einer Szene, die an den klassischen politischen
Bildungsformaten und politischen Institutionen eher wenig Interesse
hat.
Diese Aktivitäten entspringen einem Neuansatz der kulturellen
politischen Bildung, der von einem erweiterten Politikbegriff
ausgeht: Die Konzentration auf den politischen Prozess im engeren
Sinne, auf den Staat sowie die Institutionen und Akteure des
politischen Systems muss dahingehend erweitert werden, dass
das Politische in der sozialen Alltagswelt, in der Arbeit und
in der Freizeit sichtbar gemacht wird. Musik, Pop- und Jugendkultur
können hier eine wichtige Rolle spielen, denn wie
Untersuchungen zeigen wird die politische Sozialisation
Jugendlicher mehr durch Pop- und Jugendkultur beeinflusst als
durch die Angebote des politischen Systems.
Durch die Veränderungen im Arbeits- und Freizeitverhalten,
in der Organisation von Information und Wissen sowie in der
Wahrnehmung politischer und sozialer Verhältnisse sind
in den vergangenen Jahren für die politische Bildung neue
Handlungsfelder entstanden. Kultur ist als Katalysator gesellschaftlicher
Kommunikationsprozesse in besonderer Weise geeignet, diese neuen
Potenziale zu erschließen. Der Zusammenhang von Bildung
und Kultur, Wissen und Teilhabe spielt eine zentrale Rolle,
wenn es darum geht, Menschen für die öffentlichen
Angelegenheiten zu interessieren, die sie betreffen. Deshalb
wird politische Bildung mit kulturellen Strategien zukünftig
einer der Schwerpunkte der Bundeszentrale für politische
Bildung sein.
50 Jahre und kein bisschen müde
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben: Die bpb
schickt von Mai bis September einen Truck auf Tour durch 27
deutsche Städte, frei nach dem Motto: Wenn Sie nicht
zur politischen Bildung kommen, dann kommt sie eben zu Ihnen.
Eine in Teilen feierliche Angelegenheit, findet die Reise doch
anlässlich des 50. Geburtstages der Institution statt.
Gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern zu feiern,
sie gleichzeitig zu erreichen und auch von ihnen zu lernen,
zieht die Mannschaft mit dem Gefährt aus, politische Bildung
live zu bieten. An jeder Station finden Veranstaltungen zu einem
eigenen, regional relevanten Thema statt: in Jena zum Wirtschaftsstandort
Ost, in Hof zur Partizipation Jugendlicher, in Guben zum deutsch-polnischen
Verhältnis oder in Bremen zur Agenda 21. Schauen Sie mal
rein: www.bpb-tour-2002.de.
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