Myriam Reimer

See you im Cyberspace

Die Bedeutung computervermittelter Kommunikation

Myriam Reimer, Dipl.-Päd., wissenschaftliche Mitarbeiterin im EU-Projekt SIfKaL, promoviert zur Zeit über "Veränderung der Sprache durch Neue Medien."

Kommunikation findet heute nicht mehr ausschließlich in Face-to-Face-basierten Gesprächssituationen statt, sondern zunehmend computervermittelt wie beispielsweise im Chat. In diesem Aufsatz wird der Frage nachgegangen, inwieweit traditionelle Kommunikationsmodelle - exemplarisch dient hierzu das quadratische Gebilde einer Nachricht nach Schulz von Thun - auf die computervermittelte Kommunikation, kurz CvK, übertragen werden können. Neben den verbalen Nachrichtenanteilen sind die nonverbalen Verhaltensaspekte von großem Interesse, da sie den Verlauf einer Kommunikation erheblich mitbestimmen.

Das quadratische Gebilde einer Nachricht
Jede Nachricht enthält vier Aspekte: neben dem Sachinhalt die Selbstoffenbarung, die Beziehung und den Appell. Schulz von Thun bezeichnet dieses Modell als das quadratische Gebilde einer Nachricht. Der Sachaspekt bezieht sich auf die Frage, wie Sachinhalte in klarer und verständlicher Art mitgeteilt werden können. Der Beziehungsaspekt gibt Hinweise darauf, wie ich meine Mitmenschen, mit denen ich kommuniziere, behandele, d.h. je nachdem, wie ich jemanden anspreche, bringe ich ihm Achtung, Respekt, Akzeptanz, Herablassung etc. entgegen. Die Beziehungsseite enthält somit einerseits Du-Botschaften und andererseits Wir-Botschaften. Mit dem Selbstoffenbarungsaspekt ist gemeint, dass der Sprechende durch eine Nachricht Einblick in seine Persönlichkeit gibt. Die Selbstoffenbarungsseite enthält daher nur Ich-Botschaften im Gegensatz zum Beziehungsaspekt. Neben der gewünschten Selbstdarstellung, der Inszenierung der eigenen Person, ist jedoch auch die unfreiwillige Selbstenthüllung zu berücksichtigen, die oft problemreich für die zwischenmenschliche Kommunikation sein kann. Der Appellaspekt bedeutet, dass hinter jeder Aussage ein direkter oder indirekter Appell steckt, d.h. alles was gesagt wird, dient einem bestimmten Zweck.

Bei der Betrachtung des quadratischen Gebildes einer Nachricht wird deutlich, dass die Klarheit der Kommunikation in Abhängigkeit von diesen vier Dimensionen steht. Kommunikationsstörungen können dann reduziert werden, wenn zum einen der kommunikationsfähige Sender stets alle vier Seiten beim Versenden einer Nachricht berücksichtigt und er zum anderen ein ausgewogenes Hören nach allen vier Seiten praktiziert.

Internet-Glossar
Action Description Reaktionen, Empfindungen und Gedanken, die in der dritten Person zum Ausdruck gebracht werden, z.B. *lacht*, *weint*
Akronym Kurzwörter, die aus den Anfangsbuchstaben mehrerer Wörter gebildet werden und bestimmte Bedeutungen symbolisieren, z.B. *lol* - laughing out loud; *fg* - frech grinsen
Chat Live-Online-Kommunikation mittels Tastatur und Bildschirm zwischen mindestens zwei Teilnehmern
Chatiquette siehe Netiquette
Cybersex Sex in virtuellen Umgebungen; vom erotischen Dialog bis hin zu Live-Kamera-Darbietungen
Emoticon Kunstwort aus 'emotion' und 'icon', Bildchen aus Zeichen, die im textbasierten Gespräch Gefühle oder Hintergedanken übermitteln sollen
Flame persönlicher Angriff in öffentlichen Foren
Flüsteroption Möglichkeit des ungestörten Austausches zwischen nur zwei Nutzern eines Chats
Lurking abgeleitet von to lurke (lauern), bezeichnet die inaktive Teilnahme an einer Newsgroup , einem Chat oder einer Mailing-Liste
MUD (Multiple User Dungeon) Spielwelt-Server, in dem Besucher nach Art eines Textadventures online Abenteuer erleben und miteinander kommunizieren können
Netiquette eine Kombination aus Netz und Etikette, informelle, aber verbindliche Kommunikations- und Verhaltensregeln im Netz
Nickname frei gewählter Name für die Zeit des Aufenthaltes im Chat
Separée abgeschlossener virtueller Raum, in dem ungestörte Privatgespräche möglich sind
Smiley siehe Emoticon

Störungen im Kommunikationsverlauf
Nach Haley kommuniziert ein Sender immer auf zwei Ebenen gleichzeitig. Einmal auf der Mitteilungsebene und zum anderen auf der Meta-Ebene. D.h. die Botschaften dieser beiden Ebenen qualifizieren einander und geben somit wechselseitige Interpretationshilfen darüber, wie die Botschaft der anderen Ebene gemeint ist. Haley spricht in diesem Zusammenhang von der Kongruenz bzw. Inkongruenz von Nachrichten. Er unterscheidet dabei die Qualifizierung durch den Kontext, durch die Art der Formulierung, durch die Körperbewegungen und durch den Tonfall, die die Kongruenz bzw. die Inkongruenz einer Nachricht ausmachen können. Das gleichzeitige Enthaltensein von sprachlichen und nicht-sprachlichen Anteilen in der Nachricht eröffnet einerseits die Möglichkeit, dass sich diese Anteile gegenseitig ergänzen und unterstützen. Eine Nachricht ist dann kongruent, wenn alle Signale in die gleiche Richtung weisen, wenn sie in sich stimmig ist. Anderseits aber gibt es auch die verwirrende Möglichkeit, dass sie einander widersprechen.

Der Empfang inkongruenter Nachrichten löst beim Empfänger Ratlosigkeit darüber aus, ob er der Mitteilungsebene oder der Meta-Ebene Glauben schenken soll. Watzlawick spricht in diesem Zusammenhang von der sogenannten "Double bind", der im Extremfall verrückt machenden Doppelbindung. Diese liegt dann vor, wenn es zu widersprüchlichen Handlungsaufforderungen kommt. Welcher Art die nonverbale Kommunikation sein kann, die in Inkongruenz zu der verbalen Kommunikation steht, zeigen die nachfolgenden Ausführungen, in denen es um die Ausdifferenzierung des nonverbalen Verhaltens in Formen und Funktionen geht.

Nonverbale Kommunikation
Die verschiedenen Formen der nonverbalen Kommunikation teilt man üblicherweise nach den zur Verfügung stehenden Sinnen ein. Mittels des auditiven Kanals, dem Hören, entschlüsseln wir Aspekte der Stimmqualität (Tonhöhe, Lautstärke, Stimmfülle etc.) sowie Aspekte der Sprechweise (Intonation, Betonung, Dialekt etc.). Im visuellen Kanal, dem Sehen, geht es um die Wahrnehmung von Gesichtsausdruck (Mimik), Blickkontaktverhalten, Gestik und Pantomimik (Körperhaltung, Körpersprache, Ausdruck mit Händen etc.), interpersonalem Distanzverhalten (Proxemik, also Nähe-Ferne, Distanzveränderung etc.) sowie der äußeren Erscheinung (Kleidung, Körperbau etc.).

Die vielfältigen und vielschichtigen nonverbalen Signale, die jeder Mensch aussendet, können zahlreiche Funktionen erfüllen. Sie können unter anderem der Definition und Gestaltung sozialer Beziehungen dienen, denn es gibt viele Aspekte, die zum Ausdruck von Sympathie oder Antipathie verwendet werden können. Nonverbale Kommunikationssignale können auch eine Indikationsfunktion haben, d.h. sie geben Aufschluss über den emotionalen Zustand eines Interaktionspartners.

Nonverbale Kommunikationssignale besitzen in einer gegebenen Gesellschaft im allgemeinen einheitliche bzw. ähnliche Bedeutungen. Als Bedeutungsträger können sie eine Reihe von Funktionen übernehmen und damit auch das Verhalten der Individuen beeinflussen. Wie sieht es jedoch bei einem Gesprächsaustausch wie der computervermittelten Kommunikation aus, die primär textorientiert funktioniert? Besitzen die zuvor beschriebenen Formen und Funktionen nonverbaler Kommunikation auch in diesem Fall Gültigkeit?

Computervermittelte Kommunikation (CvK)

Ähnlich wie in Face-to-Face-Situationen zusätzlich zu den verbalen Nachrichtenanteilen die nonverbalen Aspekte eine ganz wesentliche Rolle spielen, sind auch in der textbasierten Netzkommunikation Besonderheiten zu beobachten. Die Kommunikation per Tastatur und Monitor erfordert eine gewisse Fingerfertigkeit und Geschicklichkeit, um den schriftlichen Dialog im Fluss zu halten Dabei kommt auf es auf Spontaneität an, anstelle des im direkten Gespräch üblichen längeren Nachdenkens über das Mitzuteilende.

Eine Möglichkeit, Gefühle darzustellen, besteht in der Verwendung sogenannter Smileys oder Emoticons. Man versteht darunter die aus Textzeichen gebildeten Gesichtsikonen, die Stimmungen oder Befindlichkeiten wiedergeben. Auch beschreibende Aktionswörter wie z.B. *lacht* oder *kichert* sowie Soundwörter wie z.B. *juchuuu* können als nonverbale Kommunikationssignale eingesetzt werden.

Die Funktionen nonverbalen Verhaltens können demnach weitgehend auf die computervermittelte Kommunikation übertragen werden. Eine Bemerkung mit dem Zusatz des angehängten Akronyms j/k (just kidding) zeigt auf, dass die Aussage nicht ernsthaft, sondern spaßig gemeint ist. Würde das Akronym fehlen, könnte es zu Missverständnissen und gestörten Abläufen in der textbasierten Kommunikation kommen, die nur schwer oder gar nicht auszuräumen wären.

Diese Formen des sog. Emoting bzw. der Action Description sind von besonderer Bedeutung, da hierbei die eigenen Reaktionen, Empfindungen und Gedanken in der dritten Person zum Ausdruck gebracht werden können. Der Schreibende verhilft sich somit selbst zu einer Distanz gegenüber dem eigenen Verhalten und den eigenen Empfindungen und Gedanken, die es ihm möglich macht, Inhalte zu verbalisieren, die im Real Life womöglich nicht verbalisiert werden.

Face-to-face versus CvK
Wie in der Face-to-face-basierten Kommunikationssituation wird auch bei der Betrachtung der computervermittelten Kommunikation deutlich, dass eine Nachricht neben dem Sachinhalt die Selbstoffenbarung, die Beziehung und den Appell impliziert. Die Klarheit der Kommunikation stellt sich auch hier als ein von diesen vier Dimensionen abhängiges Gebilde dar, was sich sowohl Sender als auch Empfänger stets vergegenwärtigen müssen, damit es nicht zu unklaren Kommunikationsverläufen kommt.

Dem Aspekt der nonverbalen Kommunikation kommt bei der CvK eine ganz wesentliche Bedeutung zu, weil der auditive und visuelle Kommunikationskanal zur ganzheitlichen Interpretation einer Information entfällt. Was in Face-to-face-basierten Gesprächssituationen automatisch und teilweise unbewusst abläuft, muss der Sprechende bzw. Schreibende nun bei der CvK reflexiv und selektiv in die Kommunikationssituation mit einbringen, damit es zu einer größtmöglichen übereinstimmung zwischen der Sendeabsicht und dem Empfangsresultat kommt.

Insofern haben Face-to-face-Gespräche und nonverbale Unterhaltungen eines gemeinsam, man
könnte es auf eine vertraute Formel bringen: Denke, bevor du etwas sagst. Und bedenke, wie du es sagst.

Literatur
HUSMANN, H.: Chatten im Internet Relay Chat (IRC). Einführung und erste Analyse. KoPäd Verlag 1998.

KROTZ, F.: Computervermittele Kommunikation im Medienalltag von Kindern und Jugendlichen in Europa. In: Rössler, P. (Hrsg.): Online-Kommunikation. Beiträge zu Nutzung und Wirkung. Opladen 1998, S. 85-102.

SCHULZ von THUN, F.: Störungen und Klärungen. Psychologie der zwischenmenschlichen Kommunikation. Band 1. Reinbek 1981


Safer Net
SifKaL - ein europäisches Projekt


Der Computer und das Internet haben sich zunehmend im beruflichen und privaten Alltag etabliert. Viele praktische Anwendungen wie beispielsweise die Möglichkeit der weltweiten Informationsrecherche oder der globalen Kommunikation werden genutzt und bereichern und erleichtern unser Leben. Doch diese uneingeschränkten, weltumspannenden Möglichkeiten werden auch mit Skepsis, Misstrauen und Angst betrachtet. Nämlich dann, wenn das Internet auch als Plattform für die Verbreitung rechtsradikaler, pornografischer oder gewaltverherrlichender Inhalte verwendet wird.

Das Projekt SIfKaL (Safer Internet for Knowing and Living) beschäftigt sich seit dem 1. April 2001 in Kooperation mit Partnern aus Deutschland, Griechenland, Grobritannien und Spanien mit der Sicherheit im Internet für verschiedene Zielgruppen. Das auf zwei Jahre ausgelegte Projekt möchte Kinder und Jugendliche, Eltern, Lehrer/innen, Bibliothekar/innen und städtische Behörden bei der Nutzung des Internets zur Steigerung ihrer Wissens- und Lebenskompetenz unterstützen.

Zu diesem Zweck werden Informationen und Empfehlungen zu pädagogisch und sozial bedeutsamen Nutzungsmöglichkeiten des Internets für besagte Zielgruppen entwickelt, in unterschiedlichen Formaten (CD-ROM, Homepage PDF-Format und Print) aufbereitet und in verschiedene Sprachen übersetzt (Deutsch, Englisch, Französisch, Griechisch und Spanisch).

Gefördert wird das Projekt im Rahmen des Safer Internet Action Plan der Europäischen Union (EU - www.europa.eu.int/ISPO/iap) und durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ - www.bmfsfj.de).

Kontakt und Information
Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK), Körnerstr. 3, 33602 Bielefeld, T 0521. 67788,
F 0521.67727, sifkal@medienpaed.de

Ansprechpartnerinnen
Myriam Reimer, Dagmar Kerschbaumer

Um Chat-Slang, virtuelle Gemeinschaften und sexuelle Identitäten im Netz geht es bei Tina Fix. Eine Diplomarbeit, die neue Umfrageergebnisse in der IRC-Forschung mit einer systematischen und umfangreichen Darstellung des Phänomens Chat verbindet. Ein Schwerpunkt liegt auf der Fragestellung, wie Jugendliche heute Medien nutzen und welche Bedeutung neue Kommunikationsformen für sie haben.

Fix, Tina: Generation @ im Chat. KoPäd-Verlag, München 2001, 149 S., ISBN 3-935686-20-X