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Interviews

Foto: Prof. Dr. Ingrid Volkmer

Name:
Prof. Dr.
Ingrid Volkmer

Tätigkeit:
Professorin

Institution:
University of Otago, Dunedin, New Zealand

 

GMK-Expertenbefragung 2005

Prof. Dr. Ingrid Volkmer

Frage 1: Beschreiben Sie bitte Ihren momentanen Tätigkeitsbereich bzw. auch den Tätigkeitsbereich in Neuseeland. Hat sich Ihre Tätigkeit in den letzten Jahren stark verändert? Wenn ja, in wiefern?

Meine Tätigkeit hat sich sehr stark verändert. Zunächst bin ich Professorin an der Uni Augsburg gewesen und war dort für den Aufbau von Medienpädagogik verantwortlich. Dazu gehörte schulische - und , außerschulische Medienpädagogik mit den üblichen Problemen und Tätigkeitsfeldern, Medientheorie und was ich immer versucht habe einzuführen, medienpädagogische Forschung. Dort ging es um eher traditionelle Medienpädagogik. Ich habe diese Stelle verlassen und mir selbst einen neuen wissenschaftlichen Arbeitsbereich gesucht . Zunächst war ich einige Zeit in den USA. Dann habe ich eine Stelle in Neuseeland angetreten. Dort habe ich jetzt die Möglichkeit, nicht mehr so sehr Medienpädagogik, in der breitgefächerten Sichtweise zu vertreten, sondern eher ein kleines Gebiet, nämlich globale Kommunikation, in einer größeren Tiefe zu bearbeiten. Globale Kommunikation sollte eigentlich eine neue Methodologie für medienpädagogische Forschung darstellen, jedoch ist dieses bis heute nicht erfolgt.

Ich finde diese neue Fokussierung auf ein ganz schmales Segment, das sich aber über unterschiedliche Disziplinen hinweg entfaltet sehr spannend und glaube dass man darüber für Medienpädagogik auch interessante Rückschlüsse ziehen kann.

In Bezug auf den Auslöser meiner Veränderungen kann ich sagen, dass es bei mir nicht so sehr mediale Umbrüche, sondern eigene Umbruchinitiativen professioneller Art waren, die ich selbst angeregt habe. Mein institutioneller Tätigkeitsbereich hat sich gewollt verändert. Auf die Veränderungen in meinem Bereich gehe ich im Anschluss noch genauer ein.

Frage 2: Welches sind die speziellen Themeninteressen oder auch die speziellen Methoden, die jetzt beispielsweise in Neuseeland im Moment wichtig und gefragt sind? Welche Themenfelder sind da besonders interessant?

Wenn ich das Department unserer Uni in Neuseeland vor meinem geistigen Auge Revue passieren lasse, geht es in allen Ausrichtungen um den Bereich der 'post colonial sphere', der postkolonialen Medienkultur. Für ein Land wie Neuseeland, das lange Zeit unter kolonialer Herrschaft seine Kultur ausprägen musste, finde ich es sehr interessant zu sehen, wie sich über einen langen Zeitraum die britische Kultur, auch britische Medienkultur, ausgeprägt hat.

Die Nation versucht die nationale Identität wieder auf eine neue Art und Weise zu bestimmten. Das beginnt damit, dass seit einiger Zeit eine Debatte in Gang gesetzt wurde, es müsse eine neue Fahne geben. Die neuseeländische Fahne ist stark durch den Union Jack geprägt und die Veränderung basiert auf einer starken Plattform von nationaler Identität.

Was ich mit diesem kleinen Exkurs sagen will, ist, dass in Neuseeland diese postkolonialen Umbrüche, die sich in unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft zeigen, natürlich auch im Medienbereich darstellen. An unserer Universität habe ich Kollegen, die sich stark mit Kultur und Film in diesen postkolonialen Kulturen beschäftigen. Dazu gehört nicht nur Neuseeland sondern auch zum Beispiel Südafrika und andere Länder des britischen Commenwealth. In Neuseeland ist ein anderes Bewusstsein eingetreten, das sich in einem starken Nationalgefühl auch in unserem Department widerspiegelt.

Es gibt viele Veranstaltungen die sich mit dem Cinema und Film in Neuseeland früher und zur heutigen Zeit beschäftigen. Zu 'Lord of the Rings', also der neuen Filmindustrie in Neuseeland, bieten meine Kollegen sehr interessante Seminare an. Da mein Arbeitsgebiet "globale Kommunikation" einen ganz besonderen Schwerpunkt auf politische Kommunikation legt, bezieht sich auch mein eigener Bereich ganz stark auf diese Post Colonial Public Sphere. Insofern tangiert mich auch dieses Großparadigma - sogar das Meta-Thema neuseeländischer Kultur - in meiner eigenen Arbeit.

Frage 3: Für viele ist es sicherlich interessant zu erfahren wie Sie zur Medienpädagogik oder Medienwissenschaft gekommen sind...

Mein biografischer Zugang zu Medienpädagogik kam über Umwege. Zunächst habe ich Diplom-Pädagogik bei Dieter Baacke studiert, so dass ich schon immer ein zunehmendes Interesse für Medienthemen und Medienpädagogik spürte. Mein eigentlicher Traum war es, in der Erwachsenenbildung zu arbeiten. Ich habe dann über ein Thema aus der Erwachsenenbildung meine Diplomarbeit geschrieben und über den Begriff Ästhetik promoviert. Erst nach dieser Promotion, also nach der Auseinandersetzung mit den Ästhetiktheorien, mit Philosophie und der Bearbeitung von Ästhetik, dem Schönen und auch dem Guten habe ich mich - ich weiß gar nicht mehr warum - ab irgend einem Zeitpunkt auf die Medienpädagogik spezialisiert. Ich weiß nicht mehr, ob dieser Wunsch eigentlich zuerst existierte oder das Angebot von Dieter Baacke, Klaus Treumann und einigen anderen an dem Forschungsprojekt "Begleitforschung zum Kabelprojekt Dortmund" an der Uni Bielefeld mitzuarbeiten. Beides passte hervorragend in meine eigenen Pläne, mich ab dem Zeitpunkt der Promotion, mit Medienpädagogik, eigentlich mit Medien, auseinander zu setzen. Eine der Inspirationen damals nicht nur Medienpädagogik zu betrachten, sondern Medien, war eine Mitte der 80er Jahre in der Zeitschrift 'merz' erschienene Diskussionsreihe. Es ging um die Frage, was eigentlich in der Medienpädagogik relevant ist und da schrieben einige, dass die Medienpädagogik hinter dem Medienmarkt her hechelte. Ich fand diese Einschätzung damals sehr pessimistisch und ehrlich gesagt ein bisschen destruktiv in Bezug auf medienpädagogische Potentiale und Visionen. Ich habe lange über diesen Satz und diese beiden Felder, die offensichtlich so verschieden voneinander und verschoben gegeneinander agieren nachgedacht.

Eigentlich wollte ich nicht Medienpädagogik betreiben, sondern ich möchte genau andersrum gehen und gucken, wie der Medienmarkt funktioniert und auf diese Weise die Medienpädagogik mitgestalten.

Ich glaube, die Äußerung in der Zeitschrift - hat mich einfach nicht losgelassen. Sie beeinflusst auch bis heute meine Arbeit, denn ich beschäftige mich nicht primär mit Medienpädagogik sondern leite Medienpädagogik immer von anderen Strukturen ab.

Frage 4: Gab es bestimmte Medienereignisse, die für Ihren wissenschaftlichen Werdegang - auch im Rahmen der Medienpädagogik - besonders bedeutsam waren?

Im direkten Bezug auf die Medienpädagogik gab es keine Bedeutsamkeiten. Nach dem Forschungsprojekt habe ich begonnen mich für neue internationale Formen zu interessieren. Damals drückten sich diese Formen nicht wie heute mit endlosen Sattelitenfernsehen- und Spezialprogrammen aus, sondern eher mit ersten internationalen Programmangeboten, - also eigentlich vergleichsweise harmlosen Medienflüssen. Natürlich hat mich auch der Aufbruch, die Medienstimmung in den 80ern, seit 1984 mit dem ersten Privatfernsehen, interessiert.

Des Weiteren war ich auf einigen Medienforen und fand diese Medienwelt unglaublich interessant und pulsierend. Ich hatte das Gefühl, da passiert wirklich etwas. So habe ich begonnen, mich mit diesen Medienstrukturen auseinander zu setzen.

Deshalb kann ich nicht sagen, es war ein bestimmtes biografisches Ereignis. Es war einfach eine Einschätzung, die mit einer gewissen Lebensphase oder einer biografischen Phase zusammenhängt. Als ich in der Zeit nach der Promotion auf der Suche nach einer eigenen Identität war, habe ich alles aufgenommen, was mich faszinierte und inspirierte.

Frage 5: Welches sind aus Ihrer Sicht die zukünftig zentralen Themen und Tätigkeitsfelder für Medienwissenschaft und Medienpädagogik? Welche Themen sind aus dem Blickwinkel Ihrer Arbeitswirklichkeit im Moment heiß?

Wenn es nach mir ginge, würde ich gern den Begriff Pädagogik streichen und durch Kommunikation ersetzen. Ich glaube, die Dimension Medienpädagogik ist nach wie vor wichtig und interessant, aber der Begriff ist einfach veraltet und signalisiert ein falsches Paradigma. Was sich verändert hat, ist die erste Silbe 'Medien'. In diesem Begriff Medienpädagogik und auch in der medienpädagogischen Arbeit, stellt man immer wieder fest, dass noch das Paradigma oder die Idee oder das Konzept von Massenmedien vorherrscht: Medien sind die Medien, sie beeinflussen Communities, Gruppen, audiances etc.

Ich glaube, dass man heute eher von höchstindividuellen Medienwelten ausgehen muss und eigentlich das Subjekt wieder zum zentralen Punkt von Mediennutzung oder von Medienkultur wird. Das sieht man am Internet. Wer von uns wirklich im Internet nach Informationen sucht, schaut nicht nach vielen Nachrichtenmedien, sondern guckt sich immer zwei, drei Plattformen aus. Diese repräsentieren die Welt. Man liest sie jeden Tag und anderes interessiert nicht.

Dann gibt es, wie mein Kollege hier in Amsterdam, Klaus Schönbach, beschrieben hat, Research- und Display-Medien. Researchmedien sind solche, mit denen ich mich einfach immer auseinander setze. Das ist mein Weltbild und das lasse ich mir repräsentieren. Dieses Phänomen lässt sich mit dem Zeitungslesen vergleichen. Man liest heute auch nicht mehr die Zeitung von A bis Z durch und lernt andere Sichtweisen kennen, sondern es ist alles auf die eigenen Interessen zugespitzt. Medien sind heute fragmentierte internationale Kanäle. Jeder kennt diese Phänomene.

Deshalb glaube ich, dass der Medienbegriff so wie er in dem Begriff Medienpädagogik steckt, überdenkenswert ist . Er ist noch zu stark an dieses Massenmedienparadigma geknüpft. Heute finde ich es einfach cooler, wenn ich das mal so sagen darf, wenn man sich nur mit dem Begriff Kommunikation beschäftigt. Es handelt sich darum eine Form zu finden, um Kommunikation auf eine neue Art und Weise zu durchdringen. Wir müssen Strukturen finden, um auch in unserer heute sehr fragmentierten Welt disparate Kulturen, die künstlich durch solche schnell dahingeworfenen Formeln wie 'Clash of Civilizations' getrennt werden, wieder neu zu verbinden.

Ich glaube Kommunikation ist der Kernpunkt, für den wir als verantwortliche Weltbürger als Pädagoginnen und Pädagogen oder auch als Kommunikationswissenschaftler sorgen müssen. Es erscheint mir wichtig, dass wir uns wieder darauf besinnen, was Kommunikation eigentlich bedeutet und diese über Generationen, Kulturen, Nationen und auch Religionen hinweg immer wieder ermöglichen. Es gibt viele Beispiele, die zeigen, dass Kommunikation durch den Aufbau von künstlichen Barrieren erstarrt z.B. in Israel oder in Palästina haben Jugendliche lange Zeit nie oder selten miteinander kommuniziert. Alles wurde über Medien abgewickelt, und zwar über die herkömmlichen Massenmedien, die ideologisch geprägt waren.

Das Gleiche existiert in vielen anderen Ländern. Ein Beispiel dafür sind die muslimischen Dialoge in Europa usw. Es gibt Szenen, die sich voneinander abgrenzen und ihre eigenen Dialoge oder Kommunikationsplattformen erstellen. Was ich für wichtig erachte, ist, dass man sich darauf besinnt, Kommunikation auch als Brücke zu haben und nicht nur von information oder digital devide zu sprechen, sondern von communication devide. Da sehe ich in meinem Arbeitsfeld, das sich mit politischer Öffentlichkeit - mit neuen Formen von public discours - beschäftigt zentrale Themen für die Zukunft. Meine Arbeit richtet sich sehr stark darauf aus.

Frage 6: Wie könnte das jetzt konkret vor dem Hintergrund, den Sie selbst beschrieben haben aussehen? Was muss getan werden, damit diese Kommunikationskluft ausgeglichen werden kann oder sagen wir in Bildungs- oder pädagogische Prozesse umgewandelt werden kann?

Das Erste wäre, einmal darüber zu diskutieren, ob das alle so empfinden oder ob das nur mein persönlicher Eindruck vor dem Hintergrund meines Themenfeldes ist. Ich glaube, dass gerade auch die GMK als eine interessante initiierende Organisation in diesem Zusammenhang betrachten könnte, wie sich der Begriff Kommunikation in der Informationsgesellschaft darstellt. Es geht um Kommunikationsflüsse, doch geht es wirklich auch um Kommunikation? Was sind die Unterschiede und was heißt das kulturell?

Es könnte ein interessantes Ausgangsprojekt sein, an diese Ausgangssituation anzuschließen und zu überlegen, wie man solche Kommunikationsbrücken im nationalen und internationalen Kontext schaffen könnte.

Ich hätte viele Ideen, wie man das Internet international nutzen kann. In ein, zwei Projekten versuche ich diese Ideen mit einzubringen. Ich glaube, es gibt viele Möglichkeiten.

Besonders wichtig stellt sich mir die internationale Zusammenarbeit dar. In Europa dürfen die Nationen nicht mehr so isoliert gesehen werden. Ich glaube in diesem Zusammenhang muss sich auch die Bildungspolitik verändern, damit die föderative Politik in Deutschland, die ja in manchen Kontexten auch ihre Gründe und ihren Sinn hat, gerade im Bildungsbereich abgebaut wird. Die Zukunft liegt in einer stärkeren Orientierung an Europa, indem die Bundesländer nicht gegeneinander konkurrieren , sondern gemeinsam eine Linie verfolgen, .Ich könnte mir vorstellen, dass es sinnvoll wäre manche Stellen dieser Medienpolitik ein bisschen zu verändern, insbesondere aber auch die Bildungspolitik, um von diesem übermäßigen Föderalismus weg und hin zu mehr europäischem Denken zu gelangen.

Wenn man das auch in die Schulen und in die Köpfe der Lehrer bringen könnte, hätte man schon viel verändert. Ich will hier nicht in Richtung Europa indoktrinieren, aber Kommunikation und Kommunikationsbrücken sind Phänomene, die in vielen europäischen Ländern auftreten. Die muslimischen Diskurse, fundamentalistischen Debatten etc., kann man in diesem Rahmen aufgreifen und in medienpädagogischen Bezügen darstellen.

Ich glaube, die GMK-Tagung in diesem Jahr wird schon einiges leisten, um diese Themen aufzugreifen.

Frage 7: Welches sind Ihrer Meinung nach die wesentlichen medialen Veränderungen, die für die nächste, aber auch für die fernere Zukunft zu erwarten sind? Da könnte ich beispielsweise auch solche Stichworte geben wie Satelliten, Al Jaazira usw.

Ich habe einiges schon genannt. Unter anderem beispielsweise diese Fragmentierung, die mir eigentlich in gewisser Hinsicht auch Sorgen macht und die vor zehn Jahren mit CNN und ähnlichen Nachrichtenkanälen begonnen hat.

Plötzlich schickt ein Anbieter dieselbe Nachricht um die Welt und erreicht dadurch eine gewisse Dominanz oder auch ein Machtstruktur. Inzwischen hat sich das Bild aufgelöst, denn im politischen Bereich , sowie auch im Bereich der Musik-, Sport- und Unterhaltungskanäle, haben sich themenspezifische neue globale Märkte ausgebildet, die auf einmal miteinander konkurrieren. Was man gegenwärtig auch sieht, Stichwort Al Jaazira, ist, dass sich neue supra- und supernationale Strukturen ausbilden.

Diese Fragmentierung zeigt sich ganz stark im subnationalen Bereich, d.h. es gibt Kanäle in Deutschland, z.B. für die türkische Bevölkerung oder für andere, von denen viele gar nichts ahnen. Die Kanäle sind meistens über Eutelsat zu sehen: russische Kanäle, polnische Kanäle, es gibt arabische, sizilianische Kanäle - alles, selbst in Bielefeld. Bielefeld ist auch Bestandteil des Global Village. Man kann mit Satelliten dort alles empfangen. Dieses subnationale ist ein interessanter Faktor,der aber in der nationalen Medienpolitik nie gesehen wird. Ich glaube, dass man was Medienpolitik angeht, neu darüber nachdenken sollte, was eigentlich nationale Souveränität bedeutet, national souverinity und Medien, Mediensouveränität, kulturelle Souveränität.

Es wird immer von Kabel und Einspeisungsplänen gesprochen und öffentlich-rechtlichen Strukturen. Es stellt sich die Frage, wie sich diese Strukturen in einem subnationalen Markt abbilden. Muss es dann auch einen öffentlich-rechtlichen Kanal für die russische oder polnische Bevölkerung in Deutschland geben? Doch wie sieht das in den subnationalen Strukturen aus? Im supranationalen (?) Bereich sind neue Strukturen zu sehen. Wenn man nur das Beispiel nimmt, dass die US-Regierung jetzt dem Staat Qatar/Katar (?) auferlegt hat, Al Jaazira aufgrund von bestimmter Berichterstattung zu verkaufen muss ich sagen, das sind beängstigende Strukturen; Es zeigt aber auch, wie stark subnationale Strukturen in nationale Medienmärkte reinragen, weil die Kurve noch länger ist, als sich das in diesen jüngst bekannt gewordenen Presseerklärungen zeigt. Al Jaazira wird demnächst mit englischem Programm in den USA ausgestrahlt Das heißt, innerhalb der USA wird auf einmal ein Al Jaazira-Blick verbreitet. Ich weiß nicht, wie die Planung momentan aussieht, doch mir ist bekannt, dass Al Jaazira den englischen Kanal ab November startet.. Ich glaube, dass wir wegkommen müssen, von einem föderalistischen, nationalen Denken.

Durch diese sub- und supranationalen Flows funktioniert das nicht mehr richtig. Man muss aufpassen, dass sich nicht solche Machtstrukturen wie in den USA durchsetzen, die den freien Kommunikationsfluss beeinflussen. Das sind kleine Anekdoten die eigentlich aber doch zeigen, das etwas im Umbruch ist. Hier kann man wieder das Zitat heranziehen ' Die Medienpädagogik hinkt immer hinterher'. Ich bin der Meinung, dass die Medienpädagogik davon stark betroffen ist. Um nicht weiter hinterher zu hinken sollte man überlegen, wie auch die genannten Aspekte thematisiert werden können.

Frage 8: Wird die Fragmentierung mehr Vielfalt oder mehr Einfalt mit sich bringen?

Man kann natürlich sagen: Beides. Im objektiven Blick ist es eher positiv, wenn es viele arabische, indische und andere Kanäle gibt. Das würde ich absolut befürworten, ich finde auch absolut wichtig, dass in diesem globalen Medienangebot diejenigen, die ein bestimmtes Informationsbedürfnis haben, dieses erfüllen können. Das gehört zur globalen Kommunikation im 21. Jahrhundert einfach dazu. Es ist anders als damals mit McLuhens Globale Village. Es ist aber auch gleichzeitig eine Fragmentierung da, weil sich jeder seine Kanäle aussucht. Meine Weltdeutung läuft heute über Medien und insofern hat sich da auch etwas verändert.

Ich denke, dass die Macht von Medien heute ungleich zugenommen hat im Vergleich zu vor 20 Jahren. Heute werden wir von der globalen Nachrichtenagenda bestimmt. Manche planen danach sogar ihr Leben und sagen bestimmte Flüge oder Reisen ab, wenn sie hören, dass Unglücke passieren oder terroristischen Anschläge geplant sein könnten. Die Macht der Medien nimmt eher zu. Ich glaube dass Medien die starke Macht haben, nicht nur Bilder in unserem Kopf zu prägen sondern auch die Weltanschauung. Das ist vor dem Hintergrund dieser Fragmentierung eher einengend und - ich will nicht sagen gefährlich - aber doch etwas, worauf auch die Medienpädagogik und vielleicht auch die Bildungspolitik achten sollte. Hier gilt es, genau die Defizite, die über die Medien dann nicht verbreitet werden, auf andere Weise anzubieten.

Frage 9: Wie wird nach Ihrer Einschätzung die Medienentwicklung unser Leben in den nächsten zehn Jahren verändern und welche Bereiche sind davon besonders betroffen? Hier geht es darum, welche verschiedenen, Bereiche, beispielsweise der Bildung, Politik, Kultur Bildung oder auch des Alltagslebens von Menschen besonders betroffen sein werden. Welche Prognose können Sie für die nächsten zehn Jahre aufstellen?

Angesichts der gerade geschilderten Situation wandern wir auf einen neuen Gesellschaftsbegriff zu. Ich benutze gern den Begriff der mobilen Gesellschaft. An diesem Konzept finde ich interessant, dass sich mobile Gesellschaft nicht nur in Industrieländern zeigt sondern auch in Entwicklungsländern oder auch in Schwellenländern. Es gibt in jedem Bereich der Welt Nischen dieser mobilen Gesellschaft, die zunehmen aber auch zusammen wachsen. Natürlich gibt es immer auch Bevölkerungsgruppen, die nicht daran partizipieren. Man kann versuchen dieses so gut es geht zu verändern, doch ich fürchte das wird nicht immer möglich sein.

Dennoch glaube ich, dass mit dem Begriff mobile Gesellschaft was Medien angeht einiges deutlich wird.

Medien vermitteln nicht nur einen Begriff von Weltanschauung sondern stellen natürlich auch ein Netzwerk her- ein Netzwerk von neuen Sozialstrukturen, Kommunikationen, Emotionalität. Dieses geschieht über e-Mail, SMS und viele andere Messages, so dass das alles Paradigmen sind, die man miteinander diskutieren sollte. Interessant wäre es zu überlegen, wie es in zehn Jahren aussieht: Haben wir alle unsere Memorysticks dabei, und unsere Literatur abgespeichert? Arbeiten wir mit unseren Palmpilots, reisen wir um die Welt, checken wir virtuell mit elektronischen Tickets ein und wir sind natürlich überall leicht verfolgbar?

Das sind die side-effects der mobilen Gesellschaft. Ich glaube, dass uns dieser neue Einfluss von Medien auf die Prägung von Weltanschauung und die Möglichkeiten von Mobilität dazu führen wird, neue Gesellschaftsbegriffe zu finden und zu überlegen, wie sich daraufhin soziale Strukturen verändern.

Für die nächsten zehn Jahre ist das ein interessanter Punkt, auch für die Medienpädagogik

Das Paradigma der mobilen Gesellschaft fasst Globalisierungsstrukturen zusammen, die neue Medienstrukturen implizieren und gleichzeitig auch neue Kommunikationsformen ermöglichen. Über dieses Oberparadigma 'mobile Gesellschaft' bilden sich wiederum neue soziale Strukturen aus. An diesem Punkt müssen wir ansetzen. Vielleicht thematisieren wir in zehn Jahren auf einem GMK-Forum, wie sich diese Strukturen abbilden.

Was sich in meiner Institution verändert, weiß ich nicht. Ich beobachte immer häufiger, dass der Hang von Universitäten im Forschungsbereich dahin geht, wirklich zunehmend interdisziplinäre Zusammenschlüsse zu fördern. Diesen Trend sehe ich nicht nur an der Uni in Amsterdam, sondern auch in Neuseeland, Kopenhagen/Dänemark und interessanterweise auch in allen anderen Weltregionen , in denen ich mich bewege. Das scheint mir ein Anzeichen zu sein, dass wir bestimmte Kernbegriffe unserer Zeit nur noch interdisziplinär lösen können.

Ich glaube, dass wirklich von universitärer und von Forschungsseite interdisziplinäre Zusammenarbeit zunehmend gefragt wird. Auch die Medienpädagogik kommt ohne eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Kommunikationswissenschaften, Sprachwissenschaftlern, Künstlern, Kunstwissenschaft und vielen anderen nicht mehr aus. Der alleinige Bezug auf die traditionelle Bildungs- und Medienpolitik ist zwar interessant, kann aber auch schnell ins Leere laufen, wenn man nicht die terminologischen Werkzeuge hat, um diese interessanten Phänomene zu bestimmen.

Frage 10: Benötigt jetzt die mobile Mediengesellschaft jetzt auch die mobilen Wissenschaftler?

Das glaube ich schon. Ich bin der Meinung, dass es vorbei ist, dass jemand wissenschaftlich nur noch an einem Ort arbeitet. Eine Kollegin von mir hat dieses sehr schön formuliert. Sie meint es gehe heute um universitäre starlines. Genau wie bei den Fluggesellschaften ist es heute wichtig, dass sich Universitäten international zusammenschließen und nicht nur sporadisch miteinander forschen oder Forschungskontakte im wesentlichen auf persönlichen Kooperationen beruhen lassen.

Ich weiß, dass beispielsweise Ben Bachmair involviert ist in diesem European Masters Cultural Studies oder Kulturelle Medien(?)

Dieses Beispiel für internationale Master-Zusammenschlüsse setzte schon Anfang der 90er Jahre ein. Jetzt gibt es eine größere Anzahl dieser internationalen Masters-Zusammenschlüsse.

Auch ich bin an einem beteiligt. Parallel gründen sich Forschungsverbünde und ich glaube diese Art Starlines-Model/One-World-Model wie sie bei Airlines auftritt ist für Universitäten und gerade auch für die Medienwissenschaften die Zukunft:

Mobile Wissenschaft finde ich wichtig. Durch Kooperationen zwischen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen lernt man auch die institutionellen Kontexte und Arbeitsbedingungen kennen und sieht die Welt aus einem anderen Blickwinkel . Ich selber mache das sehr gerne und profitiere davon und kann das auch nur jedem empfehlen.

Frage 11: Dieser gesamte Kontext des free flow of information, ist eine alte der Demokratie verpflichtete Forderungüber den freien Informationsfluss. Gleichzeitig gibt es jetzt die Forderung, dass ganz massiv und klar eine Zensur versucht wird, beispielsweise in dem Versuch den Sender Al Jaazira aufzulösen Können Sie diese beiden zunächst paradox erscheinenden Paradigmen kurz erläutern?

In den USA ist, dieses Ideal der freien Meinungsbildung und -verbreitung, dieses first ementment, ein ganz wichtiger Bestandteil der Verfassung.

Ideell gesehen spielt dieses Ideal in der Gesellschaft durch alle Bevölkerungsschichten hinweg eine große Rolle Die Institutionen amerikanischer Demokratie sind nicht gleich zu setzen mit Georg Bush und seiner Politik. Das ist auch etwas, was Amerika ausmacht und da ist Amerika wirklich at its best. Da sind ganz interessante Formen, die auch aus Europa adaptiert und noch verbessert wurden und die haben schon ihren Stellenwert. Das Problem ist, was George Bush daraus gemacht hat und was zum Teil die amerikanische Wirtschaft daraus macht. Es haben sich zwei Gleise gebildet. Auf der einen Seite steht dieses Ideal der freien Meinungsäußerung ,-bildung und -verbreitung. Damit hängen natürlich auch die ganzen Kulturen der political correctness zusammen, z.B. dass man bestimmte Dinge in der Öffentlichkeit nicht äußern sollte, weil es andere diskriminiert oder verletzt oder in einer anderen Art bloß stellt. Das sind Form und Kommunikationsetiketten, die vielleicht in anderen Ländern auch adaptiert werden sollten, nur ist es leider dann so, dass die sozusagen ins Negative umkippen und dann zum Teil fast karikiert werden. Nichts desto trotz ist es ein interessanter Ansatz.

Die andere Sache ist, dass mit Georg Bush beispielsweise Al Jaaziras Büros bombardiert wurden. Das ist einfach Regierungspolitik. Ungelegene Meinungen, die in der Form in Amerika gar nicht empfangen werden können, beeinflussen amerikanische Medien und auch den ganzen Diskurs um diese für Bush doch sehr kritischen Themen der Irak-Politik und Außenpolitik.

Die andere Seite ist, dass sich diese Ideale von first ementment natürlich auch in der amerikanischen Wirtschaft bis hin zu den World Trade Organisations und weltweiter Verbreitung amerikanischer Medien widerspiegeln Es darf nichts geregelt werden und sollte auch nichts geregelt werden und das sollte auch in anderen Ländern am besten nichts geregelt werden, weil das den freien Meinungsfluss verändert. Das ist ein Bild in mancher Form, abgesehen von diesen urdemokratischen Formen des first ementment, das sich für uns heute sehr kommerziell darstellt. Freier Meinungsfluss ist möglich, weil Medienkommerziell ausgenutzt werden. In Amerika stellen sie ein kommerzielles Gut dar, während sie in Europa eher durch den öffentlich-rechtlichen Begriff geprüft werden. Aufgrund dessen stellen Medien in Europa eher ein kulturelles Gut dar.

Das sind nach wie vor natürlich die entscheidenden Unterschiede, mit denen man die Medienmärkte untersuchen oder beurteilen kann Die demokratischen Formen, wie dieses first ementment das jetzt von Bush völlig torpediert wird führen in Amerika im Moment leider ein Schattendasein, weil die amerikanische Regierung das auf eigene Weise interpretiert und sich zunutze macht.

Frage 12: Das nächste Forum Kommunikationskultur wird sich mit dem Thema Medien, Globalisierung und Bildung beschäftigen, Migration und Medien, welche Themen könnten da besonders interessant sein?

Migration und Medien. Ich würde erst mal sagen, es sollte darauf eingegangen werden, welche Medien für Migrantinnen und Migranten zur Verfügung stehen um den Sozialisationsprozess zu begleiten. Das fängt mit Internet an und endet vielleicht mit ihren eigenen Sendern aus Russland oder aus anderen Ländern, die eigentlich auch zum Sozialisationsprozess in ihrer neuen Gesellschaft dazu gehören. Man kann sozusagen beide Informationsquellen nutzen. Zu dem Thema habe ich schon etwas gesagt, beispielsweise in dem Überblick über fragmentierte Kanäle und diese subnationalen Communities. Ich würde mir einfach wünschen, dass für diejenigen, die nach Deutschland kommen, auch eine attraktive Informationsfülle da ist, in der nicht nur ein Meinungsbild vorherrscht.

Frage 13: Wir haben ja jetzt das Einstein-Jahr. Einstein sagte: "Ich sorge mich nie um die Zukunft, sie kommt früh genug". Was ist Ihre Meinung dazu?

Ich will das jetzt auch nicht schwarz malen wie im Film "The Day after tomorrow" oder ähnlich, aber ich glaube, dass sich die Zukunft bereits heute abzeichnet und dass es eigentlich auf uns ankommt, aus der Zukunft etwas zu machen. Dazu gehört die Demokratie weiter voranzutreiben und, da bin ich doch Kant-Fan, die Aufrechterhaltung einer gewissen Form von kosmopolitischem Denken. Als wichtig erachte ich, dass sich die Welt nicht nur über die Medien zusammen findet sondern über unsere kosmopolitische Geisteshaltung und das sollte man auch nie vergessen, wenn man über Medien spricht.

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