Interviews

Name:
Beate Schröder
Tätigkeit:
Redakteurin
Institution:
Westdeutscher Rundfunk
GMK-Expertenbefragung 2005
Beate Schröder
Tätigkeitsbereich als Medienpädagogin
Ich bin vor vielen Jahren einmal als Medienpädagogin angetreten, arbeite aber schon lange als Journalistin bzw. als Redakteurin des Westdeutschen Rundfunks. In unserer Redaktion Bildung versuchen wir den Bereich der Medienpädagogik mit abzudecken. Da versteht es sich von selbst, dass ich allein deswegen nicht eine reine Medienpädagogin sein kann. Schon in meiner Ausbildung bin ich auf zwei Gleisen gefahren: zum einen auf dem journalistischen und zum anderen auf dem medienpädagogischen. Das ergänzt sich ganz wunderbar. Meine Aufgabe besteht heute u.a. darin, unterschiedliche Medienangebote zu konzipieren und dann redaktionell zu betreuen, d.h. Sendungen und Online-Angebote. Vor einigen Jahren habe ich ganz exklusiv nur den Bereich der Medienpädagogik betreut und entsprechend viele Fernsehproduktionen auf den Weg gebracht. Dann habe ich zwei, drei Jahre lang mit dem Aufbau von Planet - Wissen in eine andere Richtung gearbeitet. Das ist ein Online Angebot im Bildungsbereich für ein breites bildungsinteressiertes Publikum. Das Angebot ist vor vier Jahren hinzugekommen, weil wir eine neue, tägliche Bildungssendung haben, in der auch medienpädagogische Themen immer mal wieder eine Rolle spielen.
So zum Beispiel die Fernsehgeschichte, die aufbereitet wurde: Innerhalb dieser Bildungssendung gibt es einen breiten Fächer an Themen, die mit dem Thema verknüpft sind. Das ist aber ein anderes Zielpublikum als das, was wir bei Planet Schule bedienen. Zu Zeiten des Schulfernsehens waren das vorrangig Sendungen für Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer – sprich: den Unterricht. Bei Planet Wissen wird ein breiteres Publikum angesprochen. Ich betreue derzeit wieder ausschließlich Sendungen für die Schule und da spielt die Medienpädagogik wieder eine sehr große Rolle, weil der WDR deren große Bedeutung sieht.
Ist Dein Bereich einer, auf den junge Leute hinsteuern können, die Medienpädagogik studieren oder in diesem Bereich tätig werden wollen? In dieser Art Job zu arbeiten, in dem Du arbeitest. Wäre das so ein Arbeitsfeld, das man sich vornehmen könnte?
Das sehe ich eher weniger. Ich bin hier in erster Linie Journalistin und habe auf Grund meiner Biografie, meiner persönlichen Interessen und auf Grund dessen, dass ich da gesellschaftliche Notwendigkeiten sehe, einen Fokus auf den Bereich der Medienpädagogik gelegt. Das haben auch andere Redaktionen im Haus, da kommen wir später sicherlich noch mal drauf. Aber auch das sind keine reinen Medienpädagogen. Ich habe Publizistik und Pädagogik studiert. Ich habe mich also von Anfang an auf zwei unterschiedlichen Säulen auf meinen Job vorbereitet.
Hat dieser Bereich Zukunft, in dem Du arbeitest?
Das Arbeitsfeld der Bildung und damit auch die Medienpädagogik, aber auch die Online-Redaktion, haben auf jeden Fall Zukunft. Da gibt es auch Notwendigkeiten, insbesondere im Bereich der Bildung. Bildung findet heute nicht mehr nur alleine in den Schulen statt. Vielmehr nutzt man heute unterschiedliche Medien, um Inhalte zu vermitteln. Da sind wir als Produzenten von Inhalten eigentlich die erste Adresse.
Gibt es in Deinem Arbeitsfeld Zusammenarbeit mit europäischen, internationalen Partnern?
Die gibt es auf jeden Fall: Das hat auch eine relativ lange Tradition. Der Westdeutsche Rundfunk ist z.B. Partner in der EBU – der „European Broadcasting Union“. Da kommen alle europäischen Produzenten regelmäßig zwei, drei Mal im Jahr zusammen. Dann gibt es noch einzelne Untergruppen, z.B. eine Arbeitsgruppe „Education and Science“, eine Arbeitsgruppe Sprachen und eine Arbeitsgruppe Multimedia mit denen wir sehr dicht vernetzt sind.
Was würdest Du aus Erfahrung in Deinem Berufsfelds und auch in Deiner Institution jungen Leuten empfehlen, die jetzt studieren oder die Medienpädagogik machen wollen?
Es war für mich eine gute Ergänzung und ich sehe das in meinem beruflichen Alltag auch, dass es gut ist, wenn man auf der einen Seite zwar studiert, also ein theoretisches Fundament schafft, aber auf der anderen Seite auch so viele Praktika wie möglich macht. Man sollte in ganz unterschiedliche Bereiche rein riechen und unterschiedliche Erfahrungen sammeln. Ich glaube, dass es wichtig ist, ein möglichst breites Portfolio mitzubringen, gerade in der Medienpädagogik, weil es ein themenübergreifender Bereich ist.
Hast Du selbst Praktika bei Rundfunksendern gemacht?
Ja, beim WDR und beim ZDF.
Gibt es Medienereignisse, die Dich direkt für die Medien interessiert haben oder für die Medienpädagogik?
Medienereignisse waren es eigentlich nicht. Ich hatte eine andere Triebfeder. Für mich war zum einen der Gedanke spannend, Geschichten für Kinder zu erzählen, nicht nur fiktive, sondern auch Alltagsgeschichten. Andererseits hat mich immer ein emanzipatorischer Gedanke getrieben, also Kinder und Jugendliche zu befähigen, in dieser Welt mit den Dingen, mit denen sie konfrontiert sind, umgehen zu können.
Wo siehst Du die zentralen Themen und Tätigkeitsfelder für Medienpädagogik?
Die sehe ich insbesondere in dem Thema, das Ihr Euch fürs nächste Forum vorgenommen habt. Medienpädagogik in einer globalisierten Welt, was heißt das eigentlich? Dann der Umgang mit dem Zuwachs an Programmen. Wie kann ich mich in dieser immer stärker mediatisierten Welt bewegen und wie kann ich sie für mich transparent halten. Einen ganz wichtigen Fokus sehe ich auf einem kleinen Aspekt der Medienpädagogik, das ist die Lese- und Schreibförderung.
Siehst Du einen zunehmenden Bedarf an Lese- und Schreibförderung?
Ja, dazu existiert ein DVD-ROM Projekt unter dem Titel „SOS-Wer hilft den Speedonauten?“ starten. Gerade nach den Ergebnissen der PISA-Studie ist das ein zentrales Thema. Auf der anderen Seite sehe ich ganz starken Bedarf, insbesondere Migranten zu fördern und all diejenigen zu fördern, die in dieser Gesellschaft nicht zu den Privilegierten gehören. Da müssen wir unterstützend helfen.
Siehst Du da eine große Offenheit bei der Institution, bei der Du arbeitest und auch eine Offenheit für Medienpädagogik?
Das beides sehe ich auf jeden Fall. Ich halte das auch für eine sehr wichtige Aufgabe. Der WDR realisiert zahlreiche Angebote in diesem Bereich, auch im Hörfunk. Die ganzen Kinderredaktionen, angefangen bei „Lilipuz“ und „KLICKER“ bis zum Rundfunkorchester, alle machen medienpädagogische Angebote. Das Studio Bielefeld bietet medienpädagogische Angebote an, zum Beispiel die Kinderzeit Reporter. Da läuft eine Menge an sehr engagierter Arbeit. Es gibt z.B. auch speziell für Kinder und Jugendliche Führungen durch den WDR, was auch eine Form medienpädagogischer Information vermittelt. Aber dadurch, dass wir so ein Laden sind, wird immer wieder gezeigt, wie Medien funktionieren. In unserer Redaktion machen wir verschiedene Multimedia-Angebote. Das ist sehr breit gestreut und das sehe ich im ganzen Haus an unterschiedlichen Ecken und Enden.
Meine beiden nächsten Fragen zielen auf die Medienentwicklung und Deine Einschätzung. Was sind wesentliche mediale Veränderungen, die sich vielleicht jetzt schon ankündigen und die Du erwartest? Wie wird sich dadurch unser Leben in den nächsten Jahren verändern?
Ich glaube, dass zum einen der Zuwachs an Programmen und die zunehmende Digitalisierung von Programmen eine Rolle spielen werden. D.h., dass wir langfristig nicht mehr an die Ausstrahlungszeiten gebunden sein werden, sondern Medien on demand bekommen, was den Umgang mit Medien extrem verändern wird. Dann wird die Perfektion von Animationen eine Rolle spielen, die Vermischung von fiktionaler und realer Welt und die Konzentrationen im Medienwesen, wie wir es jetzt auch schon haben.
Einen Blick auf das Handy. Viele sagen, dass im Handy alles zusammen wächst. Siehst Du das auch so?
Das glaube ich nicht, das halte ich für eine Überbewertung.
Zurück zu diesen Medien on demand. Ist das ein Fortschritt oder eine neue Gefahr? Man könnte doch hoffen, dann wäre das durch die Kanäle surfen vorbei, dann guckt man das, was man wirklich sehen will, d.h. der Zuschauer muss sich wieder für eine Sendung entscheiden. Oder führt das dazu, dass dann möglicherweise sich die Zuschauer den ganzen Tag von morgens bis abends berieseln lassen?
Ich glaube, dass jeder Zuschauer autonomer in der Zusammenstellung seines eigenen Programms wird. Das setzt aber eine andere Medienkompetenz voraus um damit umzugehen, man muss bewusst selektieren.
Das erfordert doch neue Kompetenzförderung.
Das ist dann ja ein Moment, indem Du aktiv entscheidest, welche Programme Du für Dich auswählst. Wenn man durch ein Programm surft oder beim Zappen durch Programme, entdeckt man das eine oder andere. Das kann natürlich sein, dass das langfristig nicht mehr so sein wird. Wenn jemand nur noch ganz gezielt auf einen Bereich zugeht, dann nimmt man sich natürlich auch die Möglichkeit, andere Dinge zu entdecken. Da sind ganz unterschiedliche Facetten dieses Themas.
Eine interessante Entwicklung, die man aufmerksam beobachten muss.
Da sehe ich für Medienpädagogen, wenn es sich denn so weiter entwickelt, ein wichtiges Feld.
Jetzt habe ich die beiden Fragen zur Interkulturalität und zur Globalisierung. Wie wird sich durch die Globalisierung der Rahmen für Bildungs- und Medienarbeit in Deutschland verändern? Es gibt verschiedene Aspekte, es kann sein, dass es weniger Mittel gibt, weil durch die Globalisierung die Einnahmen des Staates schrumpfen.
Da zeichnen sich ganz neue Entwicklungen ab, die ich noch gar nicht visionieren kann. Da werden Gelder langfristig auch aus anderen Töpfen für die Medienpädagogik kommen. Ich spreche hier explizit nicht für Sendeanstalten, das ist eine ganz andere Geschichte. Es werden sich andere Finanzierungstöpfe auftun und die Arbeit wird sich sehr verändern, weil man vielmehr vernetzt arbeiten kann. Und das ist auch toll. Vernetzt mit anderen Ländern, das sind richtig tolle Programme. In Bezug auf Sendeanstalten gibt es da ein gutes Beispiel. Die japanischen Kollegen von NHK haben ein interessantes Projekt unter dem Titel „Antarktica“ aufgezogen. Das war eine Sendereihe mit einem internationalen Online-Angebot für Kinder. Kinder aus der ganzen Welt haben quasi Pinguine in der Antarktis gerettet. Zukünftig wird es mehr solcher Projekte geben können. Da sehe ich unter Friedensgesichtspunkte ganz tolle Möglichkeiten, sich mit Menschen in anderen Ländern anzufreunden.
Aber werden nicht dadurch, dass immer mehr Arbeitsplätze exportiert werden, die Ressourcen, um überhaupt diese Bildungsarbeit zu machen, immer knapper in Deutschland?
Ich glaube schon, dass Ressourcen knapper werden. Das ist keine Frage, aber ich glaube, es kommt jetzt auf die Fantasie an, was man Neues daraus entwickeln kann. Da muss man neue Wege suchen und eben auch neue Fördergelder auftun.
Diese Globalisierung führt ja zu verstärkter Migration und erfordert neue Mobilität. Arbeitskolonnen aus dem Ausland kommen nach Deutschland und konkurrieren mit den Deutschen um Arbeitsplätze in bestimmten Branchen, weil sie zu Niedriglöhnen arbeiten. Das führt zu neuen Ängsten und neuen Ressentiments. Das ist doch sicher eine neue Aufgabe für Bildung und Medien.
Da sehe ich ganz dringend Bedarf und deswegen bereite ich gerade für das nächste Jahr eine Sendereihe zu diesem Thema vor. Das ist eine Reihe, die aus 15 Minuten Beiträgen besteht und von Jugendlichen erzählt, die aus unterschiedlichen Gründen ins Ausland gehen - zum Beispiel für ein freiwilliges soziales Jahr, als Aupair-Mädchen, als Hospitanten oder um einfache Jobs im Ausland auszuüben. Wie kann ich mich ins Ausland bewegen? Welche Themen beschäftigen mich dann? Wie kann ich mich in einer fremden Welt bewegen? Wie ist das mit Heimweh? Wie ist das eine Wohnung zu buchen? Und wie muss ich mich versichern? Usw. Dazu werden wir eine Sendung und ein Online-Angebot machen. Dann ist geplant, dazu Sendungen über Schüleraustausch zu machen. Ich sehe da eine Notwendigkeit, den Prozess zu begleiten, Informationen und auch ein Stück Unterstützung zu geben.
Richtet sich dieses an alle Jugendlichen? Oder an bestimmte Zielgruppen?
Es ist extra so konzipiert, dass es an alle geht. Deswegen haben wir auch beispielsweise Jobs oder Ausbildungen im Ausland mit ins Programm genommen. Ich möchte das nicht nur für Gymnasiasten anbieten, die natürlich mit einem Studium im Ausland ganz andere Möglichkeiten haben.
Gibt es im Rahmen des Angebots solche, die nicht nur auf deutscher Sprache fundieren? Also für Jugendliche, die der deutschen Sprache nicht so mächtig sind, Migrantenkinder?
Die Redaktion Bildung des WDR hat z.B. eine Sendereihe „Deutsch als Zweitsprache“.
Möchtest Du noch etwas ergänzen?
Es wird einfach wichtig werden, in den nächsten Jahren immer mehr Medienpartnerschaften einzugehen. Nicht nur Medienpartnerschaften innerhalb des Landes, das sind Medienpädagogen schon gewohnt. Man sollte aber auch globaler denken. Deutsche Medienpädagogen müssen in diesem Bereich wach sein und recherchieren, damit sie für ihre medienpädagogischen Anliegen neue Möglichkeiten auftun.
