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Interviews

Foto: Wolfgang Schill

Name:
Wolfgang Schill

Tätigkeit:
Medienpädagogischer Referent

Institution:
Landesinstitut für Schule und Medien

GMK-Expertenbefragung 2005

Wolfgang Schill

Beschreibe bitte Deinen Tätigkeitsbereich.

Ich bin im Berliner Landesinstitut für Schule und Medien (LISUM) Referent für die Medienerziehung in der Schule. Das umfasst im Wesentlichen folgende Arbeitsbereiche:

  • Entwicklung von curricularen Konzepten für die Medienpädagogik in der Berliner Schule
  • Entwicklung von medienpädagogischen Materialien für die Berliner Schule
  • Entwicklung von Angeboten für die Fort- und Weiterbildung im medienpädagogischen Arbeitsfeld
  • Kooperation mit Medienpartnern im Berliner Raum.
Der letzte Punkt bedeutet für mich in der Hauptsache die Zusammenarbeit mit Sendeanstalten wie dem Rundfunk Berlin Brandenburg, dem Deutschlandradio oder dem Offenen Kanal Berlin. Ursprünglich waren die Funkmedien Schulfernsehen und Schulfunk auch mein zentraler Arbeitsbereich. Dieses Arbeitsfeld hat sich für mich allerdings stark verändert, weil sich in den letzten fünfzehn Jahren beide Bildungsmedien auf Grund rundfunkpolitischer Entscheidungen zu ‚Nebensachen’ entwickelt haben. Der Schulfunk ist im Übrigen in Berlin – wie auch in anderen Sendebereichen - im Zuge dieser Entwicklung völlig verschwunden.

Wie hat sich dann Dein Arbeitsbereich verändert?

Ich bin vor über drei Jahrzehnten, Anfang 1972, in der damaligen Landesbildstelle Berlin als pädagogischer Referent für die Funkmedien Schulfernsehen und Schulfunk angetreten. Dazu gab es einen Vertrag über die Veranstaltung des Schulfernsehens Berlin, der zwischen dem Land Berlin, in diesem Falle der Schulverwaltung und dem Sender Freies Berlin abgeschlossen wurde . Meine wesentliche Arbeit bestand damals darin, Begleitmaterialien zu den Sendungen des Schulfernsehens Berlin zu produzieren.

Das ist jetzt quasi verschwunden?

Das ist praktisch zur Marginalie geworden, weil uns im LISUM kaum noch Mittel zur Verfügung stehen, um Begleitmaterialien zu Schulfernsehproduktionen des RBB zu produzieren, und weil der RBB aktuell die Eigenproduktion von Sendungen für das immer noch existierende Bildungsfernsehen eingestellt hat.

Im Zuge der Auseinandersetzung mit den Funkmedien war es auch immer meine Aufgabe, mich gleichermaßen den medienerzieherischen Fragen zu stellen. Bestes Beispiel dafür, wenn mir auf Elternabenden oder bei Lehrerfortbildungen immer wieder dieselben Kardinalfragen gestellt wurden: Wie lange dürfen denn die Kinder nun fernsehen, und was kann man bloß gegen die Fernsehsucht der Kinder tun? Mediendidaktische und medienerzieherische Fragen ließen sich so für mich nie voneinander trennen und sind dann Anlass für viele medienpädagogische Projekte in der Schule geworden. Jüngstes Beispiel ist das Projekt „Kids On Media“, das wir zusammen mit dem Offenen Kanal Berlin durchführen.

Wie sieht die Zukunft des Arbeitsbereichs aus?

Die hängt natürlich mit der Zukunft des Landesinstituts zusammen. Es ist politischer Wille, das Berliner LISUM mit dem LISUM Brandenburg zusammen zu führen. Das würde für meine Stelle bedeuten, dass es sie hoffentlich auch in einem vereinten LISUM geben wird. Das hängt natürlich auch von der politischen Entscheidung ab, welche Bedeutung dem Medienbereich im neuen Institut beigemessen wird. Das LISUM Brandenburg hat ebenfalls eine Abteilung Medien und dort werden vergleichbare Aufgaben erfüllt wie hier in Berlin. Einer unserer Arbeitsschwerpunkte liegt im Übrigen, anders als in Brandenburg, in der Fortbildung der Berliner Lehrkräfte im Bereich Medienpädagogik.

Heißt das, dass der Bereich der medienpädagogische Fortbildung auch in Zukunft einen besonderen Stellenwert haben wird ?

Das glaube ich schon. Ich vermute, dass auch in Zukunft in Berlin und Brandenburg die medienpädagogische Arbeit und dementsprechend die Fortbildung als bedeutsame Aufgaben gesehen werden. Wie das dann im Einzelnen organisiert wird, kann ich nicht sagen, denn Fortbildung im Lande Brandenburg geschieht dezentral und in Berlin derzeit noch zentral. Sie wird dann aber ab 2006/2007 hier in Berlin auch dezentral organisiert. Fortbildung für die Berliner Lehrerschaft wird dann in die Bezirke auswandern. Und was das Landesinstitut dann in diesem Bereich zentral machen wird, ist noch nicht klar abzusehen.

Kommen wir noch mal zur Gegenwart. Gibt es schon Ansätze einer europäischen oder der internationalen Zusammenarbeit?

Nein, die kann ich im Medienbereich derzeit überhaupt nicht erkennen.

Bei der 2. Frage gibt es zwei Aspekte, die mich interessieren. Was würdest Du empfehlen, wie man heute am besten zur Medienpädagogik kommt?

Ich bin aus einem persönlichen Interesse heraus zur Medienpädagogik gekommen. Das hatte etwas mit meiner Ausbildung zum Lehrer zu tun. Ich wurde von einem Großmeister der Allgemeinen Didaktik, Wolfgang Schulz, - er hat die so genannte Berliner Schule der Didaktik mitentwickelt - unter die Fittiche genommen. In diesem didaktischen Modell spielen die Medien als Strukturmoment von Unterricht eine besondere Rolle. Und als ich dann Referent für Funkmedien an der Landesbildstelle wurde, bin ich dort als ‚Schüler von Wolfgang Schulz’ – er hat im Übrigen auch das Schulfernsehen Berlin konzeptionell als so genanntes ‚Kontextmodell’ entworfen – tätig geworden. Ich komme also primär aus der mediendidaktischen Richtung. Ich habe mich dann, was mein medienpädagogisches Denken und Handeln betrifft, gleichsam selber qualifiziert. Denn Anfang der 70er Jahre war der Begriff Medienpädagogik noch weitgehend ungebräuchlich, und was ein Medienpädagoge im Einzelnen leisten sollte, war auch nicht klar erkennbar, außer natürlich, dass er im Sinne der ‚Frankfurter Schule’ kritisch zu sein hatte. Alles, was ich dann im Laufe der Zeit an medienpädagogischen Qualifikationen ‚erworben’ habe, habe ich mir im Sinne lebenslangen Lernens selbst angeeignet. Und das einzigartige berufliche Netzwerk, das sich mir ab Mitte der 1980er Jahre in der GMK geboten hat, spielte dabei eine entscheidende Rolle.

In der heutigen Zeit sieht das natürlich alles ganz anders aus.

Würdest Du überhaupt empfehlen, Medienpädagogik als Schwerpunkt zu studieren?

Es geht gar nicht anders. Wer genuin medienpädagogisch wirkungsvoll in der Schule oder in anderen pädagogischen Handlungsfeldern arbeiten will, muss über besondere Qualifikationen verfügen oder Zusatzqualifikation erworben haben. Es gibt ja inzwischen auch an manchen Universitäten, Pädagogischen Hochschulen oder Fachhochschulen medienpädagogische oder kulturpädagogische Studiengänge, auch Master-Studiengänge bis hin zu Zusatzstudiengängen werden mittlerweile bundesweit angeboten. Der Medienpädagoge meiner Coleur, der sich selbst weiterqualifiziert hat, ist out. Wer heute Medienpädagoge sein will, muss eine medienpädagogische Qualifikation erworben haben oder zumindest fundierte medienpädagogische Praxiserfahrungen nachweisen können. Und er kann sich Stillstand in diesem Handlungsfeld nie leisten, denn die Medienentwicklungen wirken in unseren Arbeitszusammenhängen gleichsam als ‚perpetuum mobile’. Aus meiner Sicht wird deswegen auch die GMK als Berufsverband, der viele verschiedene Medienprofessionen zusammenbringt, immer eine wichtige Rolle spielen.

Gab es ein bestimmtes Medienereignis, das Dich für die Medienpädagogik interessiert hat?

Ich bin jemand, der sich für ein ganz bestimmtes Medium interessiert, das Radio. Ich war in den 1950er Jahren ein so genanntes Funkkind. Das brachte eine besondere Nähe zu den auditiven Medien mit sich, und sie sind bis heute mein medienpädagogisches Steckenpferd geblieben.

Radio und Hörmedien?

Radio und die anderen Hörmedien, die auditiven Medien insgesamt. Diese Neigung hat mich damals auch an der ‚Berliner Schule der Didaktik’ andocken lassen, weil dort die Medien eine große Rolle spielten. Und so ergab dann ein Schritt den anderen.

Was sind Deiner Meinung nach die zentralen Themen und Tätigkeitsfelder der Medienpädagogik?

Auf den ersten Blick würde ich sagen, dass es nach wie vor die Auseinandersetzung mit den neuen Medien ist. Ich kann es für meinen Bereich so fassen, dass sich hier plötzlich ein neues Arbeitsfeld auftut, dass als E-Learning oder Blended Learning bezeichnet wird. Die Nutzung der neuen Medien für Lehr-/Lernzwecke, an die sich für viele Bildungs- und Schulpolitiker die Hoffnung knüpft, dass sich daraus ein neues Lehren und Lernen entwickeln könnte. Mit Schlagworten wie: Selbstorganisieren von Lernprozessen, neue Lehr-/Lehrkultur, Verbindung von Lernen im Klassenzimmer mit virtuellem oder Online-Lernen etc.

Das heißt, dass das Landesinstitut da auch neue Aufgaben finden kann?

Darin wird hier ein Stück Zukunft gesehen. Es wird dann aktuell auch darum gehen, dass man spezielle Online-Angebote für die Schule entwickelt und dies - bezogen auf die Entwicklung und Nutzung von so genannten Lernplattformen - in engerer Zusammenarbeit mit außerschulischen Anbietern leistet . Wir erleben gerade, dass zum Beispiel Schulbuchverlage in den Bereich E-Learning groß einsteigen, indem sie Lernplattformen und Lehrerfortbildungen anbieten.

Da siehst Du einen wachsenden gesellschaftlichen Bedarf?

Da sehe ich momentan ein großes bildungspolitisches Interesse – vor allem auch auf Grund des PISA-Syndroms. Ob in der Schule ein Bedarf besteht, ist für mich so deutlich nicht erkennbar. Wer glaubt, Schule mithilfe von ‚Medien-Einsatz’ ändern zu können, der ist auf dem Holzweg. Nur wenn Medien in pädagogisch-didaktisch begründete Handlungszusammenhänge und sinnvoll in innere Schulentwicklung einbezogen werden, kann sich die Qualität von Lehren und Lernen verbessern und können Qualitätsprodukte entstehen.

Und wo siehst Du die größten Defizite aktuell?

Defizite sehe ich insofern, als elektronisch unterstütztes Lernen in Schule und Unterricht zu einer Art ‚Allheilmittel’ stilisiert wird, ohne dabei auch auf die wirklichen medienbezogenen Interessen und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen einzugehen. Ich sehe im Übrigen noch eine ganz andere Entwicklung auf uns zukommen und zwar im Hinblick auf das, was in unserem medienpädagogischen Jargon als Medienkonvergenz bezeichnet wird.

Alle Medien wachsen im Handy zusammen.

Nicht nur das. Medienkonvergenz - das bedeutet ja zweierlei: Zusammenwachsen und Verschmelzen von Medien im Hinblick auf die Technik und auch auf die Inhalte. Das hängt alles zusammen. Die Medienpädagogik lief ja immer der technischen Entwicklung hinterher, um sich dann mit den gegebenen Situationen auseinander zu setzen. Jetzt kann man bis zu einem gewissen Grade aus medienpädagogischer Perspektive antizipieren, was auf uns zukommt. Die besten Beispiele sind natürlich Mobiltelefon, Computer und Internet. Alles wächst mit allem zusammen. Wir müssen uns darauf einstellen, dass es neuartige Audio-Verbal-Visuelle Symbolsysteme geben wird, die für Interaktion und Kommunikation eine bedeutsame Rolle spielen werden. Und wir müssen Konzepte entwickeln, wie wir in Zukunft Medien-Lese-Schreib-Kompetenz vermitteln können.

Welche wesentlichen medialen Veränderungen erwartest Du demnächst aber auch für die fernere Zukunft?

Es wird nach wie vor darum gehen, zu begreifen, wie solche neuen Symbolsysteme in das Leben von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen hineinwirken. Wir werden uns sicherlich darauf zu konzentrieren haben, - was schon immer medienpädagogische Perspektive gewesen ist - Kinder und Jugendliche, die so etwas wie Medienpioniere sind, in ihrem Handeln zu verstehen. Wie gehen sie mit neuen Medienentwicklungen um, und was bedeutet dieses medienbezogene Handeln für ihr Leben? Daran knüpft sich immer auch die Frage: Welche Kompetenzen müssen sie auch noch erwerben, und wie kann man denjenigen helfen, die von den neuen Medienentwicklungen nicht profitieren können. In diesem Zusammenhang stellt sich auch gleich die Frage, welche Märkte werden sich in Zukunft entwickeln und welche ökonomischen Zwänge bringt dies womöglich mit sich.

Globalisierung spielt in dem Zusammenhang sicherlich auch eine große Rolle. Wie setzen wir uns mit denen auseinander, die mehr und mehr versuchen, dass sich unser Leben in Medien- und Warennetzen verfängt? Wie kann man sich dem durch eigensinnigen Umgang mit den Medien entziehen und was kann man dem generell entgegen setzen? Sind Autonomie, Solidarität, Kompetenz, Partizipation dafür noch die angemessenen Begriffe? Das sind Zukunftsfragen, die mich beschäftigen.

Dann sehe ich natürlich auch, dass in unserer Gesellschaft sozial benachteiligten Gruppen die Medien als Mittel der Kommunikation immer weniger zur Verfügung stehen oder von ihnen kaum als Mittel der Selbst-Verständigung und des Selbstausdrucks genutzt werden können. Eine Aufgabe der GMK muss es deshalb sein, auf diese Entwicklung öffentlich aufmerksam zu machen und sich dabei engagiert und wirkungsvoll einzumischen. So verstehen wir ja auch unser aktuelles Forum als einen ersten Schritt in diese Richtung.

Wenn ich das mal zusammenfasse, dann würde ich kurz sagen: Es gibt neue Herausforderungen, aber im Grunde die klassischen Antworten der Medienpädagogik? Die Kompetenzförderung von Kinder und Jugendlichen, dass hättest Du vor 10 Jahren auch gesagt.

Das sehe ich auch für die Zukunft so. Inwieweit sich in diesem Zusammenhang Medienpädagogik und medienpädagogische Theorie weiterentwickeln, kann ich nicht absehen. Leitend für mein medienpädagogisches Handeln sind die fundamentalen pädagogischen Aufgaben, die ich nicht primär von den Medien her bestimme. Also die Förderung von Autonomie, von Solidarität, von Kompetenz und dazu gehört – ein entscheidendes Moment – immer wieder neu zu bestimmen, wie dies mit den Entwicklungsaufgaben von Kindern und Jugendlichen zusammenhängt. Da sind für mich Begriffe wie Selbst-, Sozial- und Sachkompetenz, die aus der pädagogischen Anthropologie von Heinrich Roth stammen, von wesentlicher Bedeutung. Die Medien- , und eng mit ihr verknüpft die Methodenkompetenz, verstehe ich als Teilkompetenz dieser drei übergeordneten, sich wechselseitig bedingenden Kompetenzbereiche.

Wir haben als Medienpädagogen oft das Problem, dass wir zur Selbstreferenz neigen. Das habe ich in verschiedenen Diskussionen immer wieder so herausgehört. Wir gucken manchmal – ganz im Sinne des agenda setting - wie gebannt nur auf die Medien und medieninduzierten Ereignisse, die auf der Tagesordnung stehen, aber wir müssen auch immer die Augen dafür offen halten, was sich wirklich im Leben der Menschen entwickelt und tut und welche Rolle dabei die Medien tatsächlich spielen. Die ist manchmal gar nicht so bedeutsam, wie sie von Medienpädagogen herausgestellt wird.

Dann würde ich Dir noch mal die beiden Fragen zur Globalisierung und Migration stellen. Wir kennen ja alle die Prozesse von Globalisierung, ökonomische, kulturelle usw., es steht ja auch täglich in der Presse und das führt dazu, dass sich in sehr starkem Maße unsere sozialen, ökonomischen und kulturellen Lebensverhältnisse verändern. Was hat das für Konsequenzen für die Bildungs- und Medienarbeit?

Das hängt miteinander zusammen. Die Konvergenz von Medien und - nicht davon zu trennen - die Globalisierung zeigen Folgendes: Auf der einen Seite werden durch Medien der Kommunikation wie Fernsehen, Computer und Internet inzwischen fast überall auf der Welt dieselben Inhalte verbreitet und verkauft. Auf der anderen Seite eröffnet aber dieser technisch ermöglichte Blick auf die ‚ganze’ Welt neue Perspektiven und bietet auch neue Kommunikationsplattformen an. Das ist für mich die einmalige Chance, dass wir in Zukunft auch von Seiten der GMK in die Welt schauen und versuchen, weltweit zu kommunizieren, Kommunikationsnetzwerke zu etablieren und Medienarbeit als Kulturarbeit über die Grenzen hinaus zu entwickeln.

Die ersten Schritte haben wir ja bereits gemacht, indem wir bestimmte lokale und regionale Netzwerke fördern – vielleicht auch bald globale Netzwerke mit entwickeln - und uns auch wirkungsvoll in EU-Projekte eingebracht haben.

Im Übrigen glaube ich, dass Bildung im Zuge solcher Entwicklungen mehr und mehr privatisiert und zur Ware wird. Das habe ich vorhin auch mit dem Beispiel E-Learning andeuten wollen. Lernorte werden allerdings in Zukunft immer weniger die Orte sein, an denen man sich aufhält.

Dass dadurch die Bildungsinstitutionen entgrenzt werden?

Ja, so sehe ich das! Aber natürlich ist Bildung nicht ausschließlich Ware. Das Recht auf Bildung muss für alle garantiert sein, und dafür haben wir uns in der GMK stark zu machen.

Jetzt möchte ich die letzte Frage zu diesem sozialen Sprengstoff, dieser demografischen Veränderung und der Globalisierung, stellen. Die arbeitsfähige Bevölkerung wird immer kleiner, der Seniorenanteil immer größer, d.h. es gibt ökonomische Kriterien, die eigentlich dazu motivieren, sich möglichst viel Menschen ins Land zu holen, die mittelfristig Arbeitsplätze einnehmen können, wo Deutsche nicht mehr zur Verfügung stehen. Zum anderen gibt es aber wachsende Ressentiments gegen die verstärkte internationale Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt und gegen Nicht-Deutsche. Welchen Beitrag könnte denn nach Deiner Meinung Pädagogik und Medienpädagogik leisten, um damit umzugehen? Was könnte man machen?

Du meinst, um den sozialen Sprengstoff zu entschärfen? D.h. natürlich, gemeinsam eine Lösung für Probleme zu finden. Probleme solcher Art haben sich für mich – bezogen auf meinen medienpädagogischen Mikrokosmos - in der Vergangenheit am ehesten bewältigen lassen, wenn man voneinander und miteinander etwas gelernt hat. Das Miteinander-Lernen kann man nach meiner Auffassung sehr gut über gemeinsame Medienprojekte organisieren, wie mir vielfach Vorhaben mit Kindern und Jugendlichen in so genannten ‚Multikulti-Klassen’ gezeigt haben. Wenn man verschiedene Individuen und Gruppen zusammenbringen möchte, ganz gleich wo sie sich aufhalten, machen es Medien der Kommunikation möglich, eine gemeinsame Fragestellung auch gemeinsam zu bearbeiten und ihre mögliche Beantwortung öffentlich zu machen. In solchen Projekten, die von einer gemeinsamen Idee bestimmt werden, kann man aus meiner Sicht am ehesten voneinander und übereinander lernen. Ob das gleich dazu führt, dass man Probleme entschärft, vermag ich nicht zu sagen. Aber zumindest kann man dabei erkennen, wo die wahren Probleme liegen, was es heißt, Vorurteile zu haben, worin diese Vorurteile bestehen, wie man aufeinander zugehen kann und was man Schritt für Schritt miteinander bewältigen kann. Für mich besteht also der Sinn solcher Arbeit darin, die Aufgaben und Probleme gemeinsam zu definieren und durch Kooperation herauszufinden, was uns verbindet und womöglich trennt. Die Arbeit mit den Medien und über die Medien kann dann so eine Art Transmissionsriemen sein.

Möchtest Du noch etwas ergänzen?

Bei meiner praktischen Arbeit habe ich immer wieder erleben müssen, dass Medien im Grunde für die pädagogische Wirklichkeit in der Schule kaum eine Rolle spielen, obwohl ihre besondere gesellschaftliche Bedeutung von keinem Schulpädagogen ernsthaft bestritten wird und der Begriff Medienkompetenz auch kein Fremdwort mehr ist.

Das ist der Widerspruch, der sich für mich nur dann auflösen lässt, wenn sich die Schule öffnet oder - wie es Dieter Spanhel nennt – ‚eine Schulkultur der Offenheit’ entsteht. Das haben wir ja in der letzten Zeit auf unseren GMK-Fachtagungen dazu immer wieder deutlich gemacht.

Kinder und Jugendliche bringen Medienerfahrungen mit in die Schule, die den Normen und Anforderungen von Schule nur wenig entsprechen. Und viele Lehrkräfte stehen diesen Medienerfahrungen und dem Medienhandeln von Kindern und Jugendlichen, das viel mit Spaß, Spannung, Klamauk, eigener Kommunikationskultur und Konsum zu tun hat, zum Teil sehr kritisch und distanziert gegenüber. Diese Abwehrhaltung hat aber oft auch etwas mit ganz banalen praktischen Medienerfahrungen der Lehrkräfte zu tun. Man kann – eine Binse - Medienarbeit nur mit Medien machen und dazu müssen die Medien funktionieren. Man wünscht sich produktive Medienarbeit, aber es zeigt sich vielfach in der Praxis, dass technische Medien nicht mehr in Betrieb zu nehmen sind, weil sie – wegen fehlender Mittel - nicht gepflegt, gewartet oder repariert werden konnten. Und wenn etwas nicht funktioniert, lässt man sein Vorhaben natürlich sein oder wartet auf bessere Zeiten. Das erlebe ich auch immer wieder als eine Art Bankrotterklärung der Schule in Sachen Medienpädagogik.

Wenn sich aber eine Schule nach innen und außen öffnet und sich beispielsweise außerschulische Partner für die Medienarbeit sucht, kann sich ein andere ‚Medienkultur’ in ihren Räumen entwickeln. Eine Lernkultur, die weitgehend von den Interessen und Bedürfnissen von Kindern und jungen Leuten bestimmt wird und die ein selbstbestimmtes Lernen ermöglicht.

Das ist die Hoffnung, die ich für die Zukunft habe, vor allem mit Blick auf die Einrichtung von Ganztagsschulen. Wenn schulische und außerschulische Medienarbeit kooperieren, können sich Impulse zur inneren Schulentwicklung ergeben und damit auch neue Handlungsspielräume für medienpädago-gisches Arbeiten in Schule und Unterricht.

Das schließt dann auch – vielleicht etwas zu optimistisch - an den Gedanken an, dass man die Medien nutzen kann, um mehr über sich selbst und andere zu erfahren und um in der Welt etwas zu bewegen.

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