Interviews

Name:
Prof. Dr.
Horst Niesyto
Tätigkeit:
Professor
Institution:
PH Ludwigsburg
GMK-Expertenbefragung 2005
Horst Niesyto
Hat sich Dein Tätigkeitsbereich an der Hochschule in letzter Zeit stark gewandelt?
Es gibt neue Prüfungs- und Studienordnungen für die Lehrerbildung, die nach dem Prinzip der Modularisierung vorgehen. Es geht um die Frage des erziehungswissenschaftlichen Kerncurriculums. Da gibt es begrenzte Möglichkeiten vom Umfang her und es gibt eine intensive und sehr harte Diskussion über verschiedene Bereiche. Es ist nach wie vor nicht einfach, medienpädagogische Inhalte als verbindliche Inhalte zu integrieren.
Die finanzielle Situation der Hochschule hat sich im letzten und allem in diesem Jahr erheblich verschlechtert. Wir haben im Sachmittelbereich an der ganzen Hochschule momentan eine Kürzung von etwa einem Drittel des bisherigen Budgets. Das hat gravierende Konsequenzen für die Ausstattungen von Bibliothek, Materialien, auch Medienmaterialien; es wird immer schwieriger Geräte zu ersetzen. Wir spüren sehr deutlich, dass die Ressourcen knapper werden. Ich sehe einen großen Widerspruch zwischen dem Anspruch 'Bildung hat Priorität' und dieser Wirklichkeit, die durch anhaltende Kürzungen gekennzeichnet ist.
Vermutest Du, dass sich dieser Trend fortsetzen wird?
Es gibt eine erhebliche Verschärfung des Zeitbudgets für die Dozentinnen und Dozenten an der Pädagogischen Hochschule. Ursprünglich sollte ein sog. Trimester-Modell eingeführt werden. Den Namen hat man jetzt fallen gelassen, aber im Sinne der Arbeitseffektivierung und Arbeitsintensivierung sollen sämtliche Hochschulangehörigen mehr arbeiten; ab 2007 sollen die Seminar-/Vorlesungszeiten um ca. 4 Wochen je Semester verlängert werden. Das Ganze hängt mit dem Baden-Württembergischen Spezifikum zusammen, dass die Lehrerausbildung nicht in die Universitäten integriert ist. Für den Bereich Grundschule und Sekundarstufe I gibt es diesen Sonderweg über die Pädagogische Hochschule. Die Konsequenz der Arbeitsintensivierungen ist, dass die Spielräume immer enger werden, z. B für qualifizierte Forschung. Gleichzeitig werden Prüfungstätigkeiten erhöht - wir haben eine erhebliche Zunahme von Studierenden in den letzten ein, zwei Jahren. Dadurch wird die Zeit knapper für eine projektorientierte Arbeit, die in die Tiefe geht; auch die Zeit für qualifizierte Forschung wird immer knapper, insbesondere in den großen Fächern.
Wird der Raum für europäische Projekte enger? Ist das eine Chance, neue Projekte auf dem europäischen Weg zu realisieren?
Das europäische Projekt, in dem wir mitgearbeitet haben, CHICAM, ist sehr wohl zur Kenntnis genommen worden. Ich werde z.B. das Projekt in Kürze auf einer regionalen Veranstaltung des Wissenschaftsministeriums vorstellen, auf der „Best-Practice-Projekte“ aus den Pädagogischen Hochschulen Baden-Württembergs präsentiert werden. Die Forschung der Abteilung Medienpädagogik wurde auch im Evaluationsbericht über die Arbeit der erziehungswissenschaftlichen Institute in Baden-Württemberg durch eine Fachkommission sehr positiv bewertet; das ist alles dokumentiert worden. Obwohl das so ist, gibt es einen strukturellen Widerspruch mit den Trends, die ich zuvor skizziert habe. Es wird z.B. im Evaluationsbericht gesagt, dass die Pädagogischen Hochschulen die Forschung ausbauen sollen, die DFG-Forschung und auch die Forschung auf europäischer Ebene. Andererseits beschneidet man uns zeitlich. Um einen guten EU-Antrag, der Chancen hat – zumal auf der Ebene des EU-Rahmenforschungsprogramms –, formulieren zu können, braucht man einfach Zeit. Wir wissen einfach nicht mehr - es geht vielen Kollegen ähnlich -, woher wir die Zeit nehmen sollen, um Anträge zu schreiben, die Aussicht auf Erfolg haben. Der Wunsch ist durchaus vorhanden, interessante und wichtige Forschungsthemen zu bearbeiten, aber die Bedingungen dafür haben sich deutlich verschlechtert.
Gab es ein Medienereignis, das Dich zur Medienpädagogik gebracht hat?
Das entscheidende Ereignis war bei mir die Diskussion Anfang der 80ziger Jahre, als es um „Video und Gewalt“ ging. Damals bin ich zur GMK gestoßen und auf Publikationen im Umfeld der GMK. Das war eigentlich der Impuls, der mir verdeutlichte: es bringt nichts, beim Thema „Medienkonsum“ mit dem „pädagogischen Zeigefinger“ zu kommen. Entscheidend ist vielmehr der aktive Umgang mit Medien, um besser verstehen zu können, wie Medien funktionieren – ästhetisch, inhaltlich, praktisch. Ich las dann verschiedene Untersuchungen zur Mediennutzung und zur Mediensozialisation. In der Jugendarbeit versuchte ich, ein paar Ideen davon umzusetzen, nicht nur thematisch orientierte Filmreihen zu gesellschaftspolitischen Themen zu zeigen, sondern auch Jugendliche aus Arbeitermilieus zu erreichen.
Du kamst also aus der klassischen Pädagogik und hast Dich dann für die Medienpädagogik interessiert?
Ich bin Sozialpädagoge, war in der Jugendarbeit und machte Jugendarbeit in der Kirche mit unterschiedlichen sozialen Gruppen von Jugendlichen. Gerade in der Auseinandersetzung mit Jugendlichen aus Arbeitermilieus merkte ich, dass eine thematisch orientierte Bildungsarbeit - zu der damals auch die Filmarbeit gehörte - schwierig ist und dass die aktive, produktionsorientierte Medienarbeit ganz andere Möglichkeiten eröffnet. Parallel dazu lief ein ganz wichtiger Prozess: Ab dem Moment, in dem ich mich mehr über Persönliches mit den Jugendlichen austauschte und an ihrem Leben interessiert war, entstand eine sehr schöne Vertrauensbasis und ich konnte mit ihnen gemeinsam viel mehr Dinge entwickeln, auch im Medienbereich. Ich wirkte auch an Theaterprojekten in der Hessischen Jugendbildungsstätte Dietzenbach mit, es ging um die Verbindung verschiedener Ausdrucksformen, nicht nur um Medien, sondern auch um Theaterspiel, Körperausdruck. Rückblickend waren das ganz wichtige Erfahrungen.
Du bist als Quereinsteiger zur Medienpädagogik gekommen. Welchen Weg empfiehlst du heut?
Wichtig finde ich vor allem, das Eigene zu entdecken: Was bewegt mich wirklich, was sind meine Stärken, was möchte ich erfahren und verändern? Auch zu überlegen: wo bin mit meiner bisherigen Arbeit an Grenzen gekommen, wo brauche ich neue Wege? Für mich war das damals die Auseinandersetzung mit den „Gewaltvideos“ und dem Ansatz „aktive Medienarbeit“. Ich spürte: da ist ein Ansatz, der mir hilft, die Situation weiter zu entwickeln. Ich machte die Erfahrung, dass dieser Ansatz geeignet ist, Arbeiterjugendliche in der Jugend- und Bildungsarbeit zu erreichen und zum Mitmachen zu motivieren. Die eigenen Themen und Stärken zu entdecken und dann zu schauen, wie sich Verknüpfungen zwischen verschiedenen Bereichen ergeben - das ist ganz wichtig. Wenn jemand medienpädagogische Seminare belegt und ein medienpädagogisches Studium absolviert, dann ist das gut. Die entscheidende Frage ist aber: Was ist mein Thema bzw. was sind die Themen, die mich besonders interessieren? Was möchte ich intensiver kennen lernen und gestalten? Was für einen Beitrag möchte ich zur gesellschaftlichen Entwicklung leisten? Es ist wichtig, nicht einfach nur das vorgegebene Seminarangebot zu „absolvieren“, sondern dieses Angebot selbstständig als Ressource für die Entwicklung eigener Themen und Kompetenzen zu nutzen – und sich zugleich sozial und gesellschaftlich zu engagieren.
Wo siehst Du zukünftige zentrale Themen und Tätigkeitsfelder für Medienpädagogik?
Da ist für mich zunächst die soziale Frage - das zieht sich wie ein „roter Faden“ durch meine gesamte Berufstätigkeit, von der Jugendarbeit in Hessen bis jetzt zur Hochschultätigkeit hier in Ludwigsburg. Das ist ein Thema, das bleibt wichtig, heute, hier in der Bildungsarbeit und nicht nur in unseren Breitengraden Überall wo man hinsieht - man kann nahezu alle Länder nehmen – ist die sog. „digitale Spaltung“, die Kluft zwischen „information rich“ und „information poor“ zu beobachten. Man muss hier aber aufpassen, nicht immer von „Mittelschichtnormen“ auszugehen, Stigmatisierungen vermeiden. Ein zweites großes Thema ist nach meiner Einschätzung die Verbindung von medialer und personaler Kommunikation. Was ist aus den ganzen Cyberspace-Phantasien entrückter Medieneuphoriker geworden? Was aus den überhitzten E-learning-Phantasien mancher Wissenschaftler? Anstatt zu medienfokussiert zu argumentieren, gilt es immer wieder, sich bewusst zu machen: Medienkompetenz ist Teil umfassender kommunikativer Kompetenz. Selbstverständlich brauchen wir medienbezogene Spezialisierungen, aber wir brauchen auch diesen Blick: Einbettung des Medialen in das Kommunikative und das Personale insgesamt - da sollten wir den „medienpädagogischen Blick“ stärker weiten, ganz im Sinne einer medienkulturellen Bildung mehr mit anderen Bereichen zusammenarbeiten, z.B. mit der Musik- und Kunstpädagogik. Wir sind da hier in Ludwigsburg mit dem „Interdisziplinären Zentrum“ auf einem, glaube ich, ganz guten Weg. Auch während unseres Projekts „VideoCulture“ machte ich eine wichtige Erfahrung. Ich lernte z.B. das Londoner „Weekend Art College“, genannt WAC, kennen und war begeistert, wie dort unter einem Dach Theater, musikpädagogische Arbeit und Medienproduktionen mit Jugendlichen aus sozial benachteiligten Milieus gemacht wurde. So etwas ist ganz wichtig, gerade im Hinblick auf attraktive Angebote an Ganztagsschulen. Die Jugendlichen konnten flexibel zwischen verschiedenen Bereichen wechseln und sich unterschiedliche Kompetenzen in sehr spielerischer Form aneignen.
Ein drittes wichtiges Thema ist die interkulturelle Medienbildung, und zwar in einem ganz breiten Sinne: ein Blick über den „Zaun“, ein Austausch mit Kindern, Jugendlichen und Menschen aus anderen Ländern und Kulturen, eine konkrete Auseinandersetzung mit Globalisierungsentwicklungen unter der Perspektive des kulturellen Austauschs, des Entdeckens von Differenzen und Gemeinsamkeiten.
Ein weiteres wichtiges Thema ist für mich „Medienkritik“ und qualifizierte „mediale Verbraucherberatung“. Initiativen wie „Flimmo“ oder auch die GMK-Broschüren halte ich für wichtige Aktivitäten, die breitere Bevölkerungsschichten erreichen und im Sinne einer Verbraucherberatung für mediale Qualitätskriterien sensibilisieren können. Medienkritik bedeutet aber auch, bestimmte problematische Medienentwicklungen deutlicher zu benennen. Das ist nach meiner Einschätzung in den letzten Jahren seitens der Medienpädagogik eher zu kurz gekommen, wir haben das neulich in Ludwigsburg auf einer Tagung thematisiert. Ich hoffe, dass Medienkritik in einer zeitgemäßen Weise wieder stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit der Medienpädagogik kommt.
Schließlich: Um zu erreichen, dass sich unter ErzieherInnen und LehrerInnen ein medienpädagogisches Basiswissen entwickelt, ist die Frage zu klären, was zu einem solchen Basiswissen gehört und wie man es sinnvoll in verschiedene Handlungsfelder der Ausbildung einfädeln kann. Da sehe ich trotz vieler Studiengänge einen Reflexions- und Entwicklungsbedarf. Es geht vor allem um die sinnvolle Integration medienpädagogischen Basiswissens in grundständige Studiengänge. Darüber hinaus stellt sich natürlich die Frage, welche spezifischen medienpädagogischen Studiengänge in der heutigen Zeit sinnvoll sind – eine sehr schwierige Frage, weil die Konkurrenz zu anderen Medienstudiengängen sehr groß und der Arbeitsplatzdruck hoch sind. Wir beobachten z.B. im Studium der Erwachsenenbildung, dass Studierende, die das Wahlpflichtfach Medienpädagogik belegen, weniger an Projekten der kulturellen und ästhetischen Medienbildung interessiert sind, sondern an methodenorientierten Angeboten wie z.B. Optimierung von Lernprozessen mit E-Learning, die in möglichst vielen Praxisfeldern beruflich zu verwerten sind.
Was wird für nächste oder fernere Zukunft wesentlich werden? Veränderungen in der Medienlandschaft, also neue Techniken vielleicht, neue Angebote?
Ich bin sehr vorsichtig mit Prognosen. Ich vermute, dass die sog. „Medienkonvergenz“ weiter zunehmen wird, andere reden von „intermedialen Bezügen“. In diesem Kontext erwarte ich auch eine weitere Aufwertung des Präsentativen, vor allem des Bildhaften. Das ist ein Thema, an dem einige MedienpädagogInnen schon seit einiger Zeit sehr intensiv arbeiten. Bei medialen Veränderungen denke ich auch immer an die Janusköpfigkeit dieser Veränderungen. Zum einen erweitern sich Erfahrungsmöglichkeiten, Wissensmöglichkeiten, Wissenshorizonte. Auf der anderen Seite nehmen Trends zur Fragmentierung und Individualisierung weiter zu, die auch problematische Formen der Mediennutzung hervorbringen. Problematisch sind für mich solche Formen, bei denen die Balance von medialer und personaler Kommunikation quasi „aus den Fugen“ gerät, bei denen Menschen immer größere Probleme bekommen, zwischen verschiedenen Wirklichkeitsebenen zu unterscheiden und sich von Medienangeboten auch zu distanzieren. Die derzeitige mediale „Aufmerksamkeitskultur“ ist nicht geeignet, um reflexive Prozesse zu befördern – im Gegenteil. Mediale Strategien, die vor allem auf Personalisierung, Emotionalisierung und Effekthascherei setzen, zielen einseitig auf die affektiv-emotionale Dimension von Menschsein ab. Unter dem Primat hoher Einschaltquoten und damit verbundener ökonomischer Interessen wirken diese Strategien einem Zusammenspiel von Fühlen und Denken, von sinnlichem Genuss und reflexiver Verarbeitung entgegen. Es ist und bleibt eine Aufgabe der Medienpädagogik, hierzu Alternativen anzubieten und Formen einer anderen Aufmerksamkeitskultur zu fördern, die diesen Namen wirklich verdient.
Individualisierung verstehe ich bei Dir in Sinne von Vereinsamung.
Individualisierung umfasst widersprüchliche Tendenzen. Zum einen ist Individualisierung mit Möglichkeiten verbunden, selbst mehr Entscheidungen treffen und das Leben mehr in eigener Regie gestalten zu können. Dazu können Medien positiv beitragen. Auf der anderen Seite werden Individualisierungsprozesse von vielen Menschen auch als Mangel an sozialer Geborgenheit und an Gemeinschaftlichkeit empfunden, die Vereinzelungstendenzen befördern. Die heutige mediale Aufmerksamkeitskultur steht unter dem Diktat der Einschaltquoten und der damit verbundenen Erregungs- und Steuerungsstrategien. Diverse Medienereignisse produzieren auch so etwas wie „Gemeinschaftserlebnisse“ – doch auf welcher Basis? Hypes, flüchtige Themenwechsel, kaum Kontinuitäten – das hat wenig mit Fähigkeiten des Nachdenkens, des Innehaltens, des Zuhörens, der Selbstsorge und des kommunikativen Austauschs zu tun. Wir sollten mehr darüber nachdenken, welche Aufmerksamkeitskultur wir als Medienpädagogen befördern möchten - anstatt Medienentwicklungen als gegeben und nicht mehr beeinflussbar hinzunehmen. Wir benötigen z.B. mehr Dialoge zwischen Medienschaffenden, MediennutzerInnen und MedienpädagogInnen.
Auch dieses Phänomen Papstbegräbnis. Das ist eine Mischung zwischen Sinnsuche einerseits im Bereich der Jugendlichen, anderseits ist der Papst eine Art Popstar, er wird zumindest so behandelt..
Da kommen ganz verschiedene Aspekte zusammen. Dieses Ereignis wurde von Anfang an in den Medien sehr beachtet, es wurde zu einem außerordentlichen Medienereignis gepuscht. Das darf man nicht unterschätzen. Auf der anderen Seite entstand aber auch der Eindruck, dass viele junge Leute nicht nur aufgrund der medialen Berichterstattung dabei waren. Trotz der sehr konservativen Sexualmoral des Papstes und anderer konservativer bis reaktionärer Positionen sind diese Jugendlichen offensichtlich von bestimmten Eigenschaften angezogen wie z.B. der Konsequenz des Papstes, mit der er zu seinen Auffassungen steht, sowie seiner Präsenz bei öffentlichen Auftritten. Aus der Person des Papstes, die unterschiedliche Seiten hat, werden – so ist mein Eindruck – von den jungen Leuten die Aspekte und Eigenschaften herausgezogen, die sie interessant finden. Das ist wie in anderen Bereichen auch. So beobachten wir bei der Mediennutzung von Jugendlichen auch, dass sie nicht das Medienangebot als Ganzes nehmen, sondern sich gezielt die Aspekte heraus picken, die sie persönlich interessieren. Genau das scheint auch bei Karol Wojtyla passiert zu sein.
Ich möchte gerne noch einmal ein Thema aufgreifen, das ich vorhin angesprochen hatte: E-Learning. Das wird bei uns an der Hochschule immer noch forciert. Doch insgesamt scheint mir die Ernüchterung in der E-Learning-Szene groß zu sein. Gutes E-Learning braucht eine gute tutorielle Betreuung. Diese Betreuung ist aber personalintensiv und das wiederum kostet viel Geld. Die Leute, die im politischen Raum versuchen, E-Learning zu forcieren, hoffen, damit Geld einzusparen – eine Hoffnung, die sich so nicht erfüllen wird.
Das funktioniert da am besten, wo richtig großer Druck ist, nämlich in der Wirtschaft, wo sich bestimmte Leute für ganz bestimmte klar definierte Ziele qualifizieren müssen. In offenen Bildungsinstitutionen ist das schwieriger.
Im pädagogischen Bereich hat es E-Learning insbesondere bei projektartigen Arbeitsformen schwer, die kommunikations- und prozessintensiv sind. Doch es gibt die begleitenden E-Learning-Plattformen, die verschiedenen „Blended-Learning“ Konzepte. Das halte ich eher für realistisch. Interessant finde ich auch Projekte wie z.B. SESAM vom Landesmedienzentrum Baden-Württemberg, das zunehmend - bis hin zu Spielfilmen – Materialien ins Netz stellt, die man in Schul- und Seminarräumen abrufen kann. Das wird momentan noch in Feldversuchen erprobt; auf dieser Ebene wird sich künftig einiges tun, vermute ich. Das wird, wenn es technisch wirklich gut funktioniert und nicht zu teuer ist, eine Erleichterung bringen und genutzt werden.
Wie sollte man nach Deiner Meinung das Thema demographische Veränderung in unserer Gesellschaft bearbeiten?
Es gibt in unserer Gesellschaft zu wenig Gemeinschaftlichkeit. Das Wort von den „Parallelgesellschaften“ bezeichnet einen Teil dieser mangelnden Gemeinschaftlichkeit, das “Nebeneinanderleben“. Menschen sind soziale Wesen, auf Gemeinschaftlichkeit angewiesen. Es ist wichtig, dass Menschen vielfältige Begegnungsmöglichkeiten haben, vor Ort, in sozialräumlichen Bezügen. In diesem Zusammenhang ist auch das intergenerationelle Denken zu stärken. Man sollte z.B. mehr darüber nachdenken, wie man ältere Menschen - die pensioniert sind, die Lebenserfahrung haben, die Qualifikationen haben - wie man diesen Menschen Möglichkeiten bietet, ihre Erfahrungen aktiv und kreativ in gesellschaftliche Bildungsprozesse einzubringen. Das wird viel zu wenig gemacht. Es geht darum, neue Wege zu gehen, z.B. im Rahmen alternativer Schulformen, die z.B. ältere Menschen einladen, um ihre Erfahrungen und ihr Wissen weiter zu geben. Es gibt Projekte, in denen das gut funktioniert. In solche intergenerationellen Initiativen könnte sich auch die Medienpädagogik sehr gut einbringen. Das ist ein wichtiges Arbeitsfeld.
Wir wissen dass der ökonomische Spielraum des Staates immer kleiner wird. Fehlt dann nicht gerade das Geld, um diese notwendige Bildungs- und Medienarbeit zu machen?
Diese Frage kann nicht auf die Bildungs- und Medienarbeit reduziert werden. Das ist eine politische Frage und letztlich eine Frage nach dem gesellschaftlichen System. Die Diskussion ist auf verschiedenen Ebenen zu führen. Eine ganz entscheidende Ebene ist die Frage der Priorität. Es geht um die Frage, ob es ein Primat der Ökonomie gibt und ob ökonomische Interessen im Kontext des kapitalorientierten Wirtschaftssystems eine Dominanz über alle anderen gesellschaftliche Bereiche ausüben. Ich betrachte es als ein gesellschaftliches Grundübel, dass sich dieses Primat der Ökonomie heute in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen etabliert hat. Darüber müsste in der Gesellschaft viel klarer und deutlicher gesprochen werden. Das betrifft sowohl die Kriterien des Wirtschaftens und der Gestaltung von Arbeit innerhalb der Ökonomie selbst, das betrifft aber die ganzen anderen Bereiche der Kultur, der Medien, der Wissenschaft usw. Hier sehe ich, dass die spezifische Qualität der jeweiligen Bereiche stark unter ökonomischem Erfolgsdruck steht. Qualität und hohe Nachfrage müssen sich nicht per se widersprechen. Ein qualitätsorientierter Journalismus braucht Rahmenbedingungen wie z.B. ausreichend Zeit für solide Quellenrecherchen – eine Rahmenbedingung, die im Strickmuster massenmedialer Fastfood-Inszenierungen einfach nicht mehr vorgesehen ist. Die Diskussion über diese und andere Punkte muss geführt werden. Und diese Diskussion muss in den Medien und mit den Medien geführt werden. Ein weiterer Punkt ist: es gibt zu wenig realistische Berichte, wie Menschen heute ihren Alltag im Zeitalter der Globalisierung erfahren. Keine dramaturgisch und fiktional überdrehten Doku-Soaps, sondern einfach gut recherchiertes und zusammengestelltes dokumentarisches Material. Das ist auch eine Aufgabe für die aktive Medienarbeit, hierzu einen Beitrag zu leisten. Das Wuppertaler Videoprojekt macht da eine ganz wichtige Arbeit, um mal eine Gruppe zu nennen. Es kommt darauf an, positive Alternativen, positive Bilder zu zeigen, die Menschen auch durch überzeugende Medienproduktionen zu ermutigen, über ihr Leben nachzudenken und es anders zu gestalten.
Was das Stichwort Globalisierung betrifft: man sollte sich nicht auf das Internet und diese ganzen virtuellen Möglichkeiten zurückziehen - die sind zwar wichtig, reichen aber nicht aus. Am wichtigsten ist und bleibt der direkte persönliche Austausch zwischen Menschen. Interkulturelle Bildung ist erheblich stärker in der Schule und in der Jugendarbeit zu unterstützen. Hierzu gehört ein direkter, unbürokratischer Austausch von jungen Menschen, nicht über lange Anträge, sondern über Patenschaften, so wie das auch nach der Tsunami-Flut diskutiert wurde. Ein direkter Austausch über ein halbes Jahr oder ein ganzes Jahr, um in anderen Ländern und Regionen dieser Welt neue Erfahrungen machen zu können, fremde Sprachen lebendig kennen und sprechen zu lernen, seinen Horizont zu weiten. So müsste Globalisierung in einer ganz anderen Weise für die jungen Menschen konkret erlebbar werden – nicht nur im Internet und in Urlaubssituationen.
Möchtest Du noch etwas ergänzen?
Es geht nicht darum, das Fach Medienbildung einfach nur zu unterrichten. Es geht darum, Kinder und Jugendliche zu ermutigen und zu begeistern, ihre Potentiale zu entdecken – und hierin die kreative Nutzung von Medien zu integrieren.
Vielen Dank.
