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Interviews

Foto: Dr. Eva Bürgermeister

Name:
Dr. Eva Bürgermeister

Tätigkeit:
Geschäftsführerin

Institution:
JFC Medienzentrum Köln

GMK-Expertenbefragung 2005

Dr. Eva Bürgermeister

Beschreiben Sie bitte Ihr Arbeitsfeld und Tätigkeitsbereich und in welche Richtung dieser sich in den letzten Jahren entwickelt hat.

Ich bin Geschäftsführerin des JFC Medienzentrums Köln, einer Fachinstitution für die Kinder- und Jugendmedienarbeit, die sich inzwischen allen Bereichen öffnet, die mit dem Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen zu tun haben, also auch Schule und Familien. Wir sind aktiv im Bereich der Sozial-, Bildungs- und Kulturarbeit, in Köln, Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus.

Als Geschäftsführerin gehören zu meinen Hauptaufgaben die Finanzen, konzeptionelle Arbeit und Projektentwicklung. Ein langjähriger Schwerpunkt unserer Arbeit sind Qualifizierungsmaßnahmen, die wir als offene Veranstaltungen anbieten. Zwei wichtige Veränderungen gibt es in diesem Bereich: Es ist festzustellen, dass der Beratungsbedarf enorm gestiegen ist, Qualifizierung also viel über unterschiedlich umfangreiche Beratung geleistet wird. Und es werden mehr als früher maßgeschneiderte Qualifizierungs- und Dienstleistungsangebote nachgefragt. Das hat zur Konsequenz, dass wir stärker mobil arbeiten, mit Einrichtungen vor Ort kooperieren und diese mit unserem Know-how unterstützen.

Eine weitere wichtige Veränderung ergibt sich aus der allgemeinen finanziellen Situation, die noch angespannter ist als in den 90er Jahren; sowohl für die Einrichtungen, mit denen wir zusammen arbeiten, als auch für uns direkt. Ich bin daher sehr intensiv damit beschäftigt, weitere Finanzierungsmöglichkeiten für die vielfältigen Aufgaben zu erschließen: auf kommunaler, Landes-, Bundes- und EU-Ebene, dazu Stiftungsmittel und Sponsorengelder. Das und der Verwaltungsaufwand für die Abwicklung von Projekten auf den unterschiedlichen Ebenen nimmt viel Zeit und Energie in Anspruch – Zeit, die dann manchmal für die eigentliche medienpädagogische Arbeit fehlt.

Diese zunehmende mobile Tätigkeit ist ein Ergebnis der Webmobil-Aktivitäten?

Das ist auf jeden Fall eine sehr positive Erfahrung, die wir mit den Webmobilen damals gemacht haben. Die Webmobile für NRW haben wir 1998 gemeinsam mit der GMK auf den Weg gebracht. Es zeigte sich, dass es bei den Praktikern vor Ort eine große Nachfrage nach unseren maßgeschneiderten Qualifizierungs- und Aktionsprogramme gab, wir waren gewissermaßen auf eine Marktlücke gestoßen.

Wir haben mit den Webmobilen auch Vernetzungen vor Ort oder in der Region angestoßen. Auch das ist eine Tendenz, die sich durchgesetzt hat: Institutionen vor Ort anzuregen und dabei zu unterstützen, Kontakte zu knüpfen und Ressourcen und Kompetenzen in ihrer Nähe zu nutzen. Es führt immer wieder zu nachhaltigen Aha-Erlebnissen, wenn Träger erfahren, wie viele potenzielle Partner aus verwandten Arbeitsfeldern in oft unmittelbarer Nachbarschaft zu finden sind. Mit den Webmobilen haben wir zunächst im ländlichen Raum medienpädagogische Impulse durch sehr konkrete Aktionen gesetzt, die das JFC Medienzentrum nun unter dem Stichwort ‚Netznomaden’ mit guter Resonanz weiterführt.

Hat der Bereich Medienpädagogik Zukunft?

Für meine Begriffe hat qualifizierte medienpädagogische Arbeit auf jeden Fall Zukunft. Medien bestimmen das komplette gesellschaftliche Leben: Freizeit, Bildung, Arbeit, Kultur – alles ist von Medien berührt und wird über Medien kommuniziert.

Das wurde allerdings vom Bedarf her formuliert, nicht von der Bereitschaft, das auch zu finanzieren.

Ich kann natürlich keine politischen Prognosen stellen. Aber ich gehe davon aus, dass sich die Erkenntnis über die Bedeutung der Medien für unsere heutige Gesellschaft auch in irgendeiner Form in der Finanzierung entsprechender Programme niederschlagen wird. Ich denke, unsere Aufgabe als medienpädagogische Facheinrichtung ist es auch, die Schwierigkeiten bei der Finanzierung immer wieder darzustellen. In NRW sind wir – so hoffe ich – im Prinzip auf einem guten Weg, denn ich sehe hier durchaus die Bereitschaft, Medienpädagogik als ein wichtiges Feld weiter zu fördern.

Auf jeden Fall aber muß sich das Engagement im Bereich der pädagogischen Ausbildung noch verstärken, für Lehrer, für Erzieher, für Sozialpädagogen ist dieser Schwerpunkt noch lange nicht seiner Bedeutung entsprechend berücksichtigt. Sie alle brauchen Basiskompetenzen im Medienbereich. Aber auch wenn Medienpädagogik so eine Querschnittsaufgabe wird: Die fundierte Fachkompetenz müssen weiterhin spezialisierte Medienpädagogen mitbringen.

Wie sind Sie zur Medienpädagogik gekommen?

Ich bin sicher einen ungewöhnlichen Weg gegangen. Ich komme von der Kunstgeschichte, einem doch eher rückwärts gewandten Bereich, und bewege mich nun in diesem stark zukunftsorientierten Arbeitsfeld, in dem es ja immer auch darum geht, Trends zu erkennen und zu begleiten und die pädagogischen Konzepte so zu gestalten, dass sie bei den jungen Menschen auch ankommen. Ich bin in dieses Berufsfeld über die Gemeinwesenarbeit gekommen. Während meines Studiums habe ich in einem Familien- und Nachbarschaftszentrum gearbeitet, und dort haben wir damals in den 1980er Jahren die ersten Frauen-Computerkurse durchgeführt. Dadurch bin ich mit den neuen Medien in Berührung gekommen. Ein sicher nicht untypischer Quereinstieg.

Diesen Quereinstieg hatten viele, die jetzt in der Praxis tätig sind. Was würden Sie heute empfehlen? Gibt es überhaupt Chancen für Medienpädagogen, die jetzt anfangen zu studieren? Welchen Zugang würden Sie empfehlen?

Ich habe immer die Auffassung vertreten, dass die Leute das studieren oder lernen sollen, wofür sie sich wirklich interessieren. Das ist ein ganz wesentlicher Garant dafür, dass sich der Erfolg einstellt bzw. berufliche Einstiegsmöglichkeiten in ähnliche Bereiche ergeben. Und dabei bleibe ich, auch wenn die Zukunftsperspektiven im Allgemeinen schwieriger geworden sind. Es ist ja ohnehin nicht mehr so, dass wir einen Beruf erlernen und den dann ein Leben lang ausüben. Das aktuelle Schlagwort „Mobilität“ bezieht sich nicht nur auf räumliche, sondern auch auf geistige, auf berufliche und ähnliche Aspekte. Ich halte es durchaus für fruchtbar, als Quereinsteiger im medienpädagogischen Bereich zu arbeiten, weil man eben andere Kompetenzen mitbringt, die sinnvoll und hilfreich sein können. Ein pädagogisches Studium mit Schwerpunkt Medienpädagogik ist natürlich ein guter Weg. Wichtig ist für meine Begriffe, schon im Verlauf des Studiums viel zu erfahrenen über die Zielgruppen, mit denen man zu tun haben wird. Das heißt: sich nicht immer nur am Schreibtisch mit Theorien beschäftigen, sondern mit den Menschen arbeiten. Als Medienpädagoge muss man natürlich Lust und Interesse an technischen Entwicklungen haben. Und man sollte bereit sein, sich immer wieder mit neuen (medien-)technischen Entwicklungen und aktuellen jugendkulturellen Erscheinungen und Mediennutzungsweisen zu beschäftigen. Denn Medien und Jugendkultur hängen ja ganz eng zusammen. Gerade diese Verknüpfung macht vielfach die besondere Chance für pädagogische Arbeit und die Unterstützung der jungen Menschen bei ihrer persönlichen Entwicklung aus.

Gab es für Sie bestimmte Medienereignisse, die Sie zur Medienpädagogik gebracht haben?

Für die Medienpädagogik mit Betonung auf Pädagogik kann ich nichts Besonderes nennen. Auf die gesellschaftliche Bedeutung der Medien bin ich natürlich schon als Jugendliche gestossen worden. Wie sehr fühlten wir uns als Teil einer großen Weltfamilie, als die Landung auf einem anderen Planeten weltweit übertragen wurde. Und wie kritisch waren wir gegenüber den Massenmedien auch noch als Nach-68er Generation, weil wir die Springer-Hatz gegen Studenten und insbesondere gegen Dutschke noch gut kannten.

Was sehen Sie als die zentralen Aufgaben für die Zukunft? Gesellschaftlicher Bedarf, Defizite etc?

Der Hype der Neuen Medien ist ein wenig abgeklungen, damit auch der Boom der Medienkompetenz-Förderprogramme, von denen einige Medienkompetenz auf Bedienungswissen verkürzten. Inzwischen dürfte klar sein, dass sich der Trend zur Medialisierung aller gesellschaftlichen Bereiche – wenn auch verlangsamt – fortsetzt; und dass die angemessene Antwort darauf nur durch einen umfassendes Konzept von Medienkompetenz im Sinne einer breiten Medienbildung gegeben werden kann. Zu deren Kernthemen gehört die Frage der Partizipation, der gesellschaftlichen Teilhabe an den Medien. Es geht um Orientierung und Kommunikation in und mit den Medien, um Medienkritik mit Blick auf den eigenen Umgang mit Medien, Mediennutzungsverhalten und Vorlieben, aber auch im Hinblick auf den gesellschaftlichen Diskurs über die Medien, über Werte, Normen und Grenzen. Wir müssen uns verstärkt mit immer neuen Geschäftsmodellen im Medienbereich beschäftigen (Stichwort Handy als Schuldenfalle), gerade auch mit Blick auf die Jugendlichen, die besonders anfällig für werbegestütze Moden sind. Die technische Entwicklung schreitet wahnsinnig schnell voran und wir müssen uns deswegen mehr Mühe geben, unsere Zielgruppen passgenau zu erreichen und bestimmten Entwicklungen rechtzeitig entgegenzuarbeiten. Es gibt viele Ansatzpunkte und wichtige Herausforderungen im Zusammenhang mit den Stichworten Komplexität, Geschwindigkeit, virtuelle Lebenswelt: Zum Beispiel simple Aktivangebote mit den z.T. wahnsinnig schnellen, vielseitigen und hochtechnisch ausgerüsteten Spiele zu verbinden oder anders ausgedrückt - die virtuellen Welten und die Medien mit Erfahrungen durch Bewegung und Sinnenfreude verknüpfen. Das ist eine wichtige Sache, Technik beherrscht die Welt und häufig auch die Sinneserfahrungen da müssen wir einen guten Ausgleich zu schaffen.

Das zweite ist, es wird Zielgruppenverschiebungen geben. Mit den demografischen Entwicklungen werden wir in der Gesellschaft zumindest langfristig mehr ältere Menschen haben. Zunächst einmal wird es ja – zumindest gilt das für NRW – mehr Jugendliche geben.

Ich glaube, dass die Gruppe der Senioren sich noch stärker als die jetzige Generation den weiteren Entwicklungen öffnen und aktiv an dem Leben teilnehmen wird, das stark von Medien bestimmt wird. Das wird ein neues Aufgabenfeld sein.

Wir müssen weiterhin noch stärker, besonders im medienpädagogischen Bereich, darauf hinarbeiten, dass sich die Kluft zwischen Wissenden und Nicht-Wissenden bzw. am politischen und gesellschaftlichen Leben Teilhabenden und davon Ausgeschlossenen nicht vergrößert, sondern geringer wird. Wir müssen dafür sorgen, dass wir sozial- und bildungsbenachteiligte Menschen mitnehmen in die Medienwelt, also z.B. die Nutzungskompetenzen stärken. Es geht nicht um die reinen Zugangsmöglichkeiten, das wird sich überwiegend von selbst ergeben. Denn die Technik wird immer billiger, wodurch es für jeden einzelnen realistischer wird, diese Technik auch zur Verfügung zu haben. Es wird stärker um die Frage von sinnvoller Nutzung im Sinne von Kommunikation, Partizipation, kreativer Gestaltung, Teilhabe an der Gesellschaft usw. gehen.

Ich glaube auch, dass es perspektivisch gesehen eine Rückbesinnung geben wird. Es gibt ja immer so Wellen, es gibt einen technischen Hype, dann setzt man sich wieder mal zurück und reflektiert, wie und wo stehen wir als Menschen eigentlich in dieser Welt. So eine Diskussion wird wichtiger werden und wir als Medienpädagogen sollten diese Diskussion begleiten, vielleicht sogar mit anstoßen. Es geht um die Frage von Wertmaßstäben, die Verantwortung der Medien, der Mensch mit seinen Werten in der Medienwelt. Aber auch Thematiken wie die Welt als “globales Dorf“, denn die europäische und internationale Dimension wird auch wichtiger werden.

Was erwarten Sie als wesentliche technische Veränderung?

So eine grundlegende Veränderung wie das Internet hat die Welt wahnsinnig verändert, so etwas erwarte ich zumindest für meine Lebensspanne nicht mehr. Allerdings weiß ich zu wenig über die Entwicklungen etwa im Bereich der Raumfahrt oder der Nanotechnologie. Ich glaube, für unser Nutzungs- und Kommunikationsverhalten wird die Miniaturisierung der Technik von Bedeutung sein, alles wird immer kleiner und mobil nutzbar, die Datenübertragungsleistungen werden sich weiter verbessern. Vielleicht können wir uns demnächst schon hinsetzen und nur mit einer kleinen Projektion am Tisch sitzen und E-Mails schreiben und Filme schneiden. Eigentlich sollte ich nicht über Technik spekulieren, dazu verstehe ich zu wenig von Technik und es hat schon viel zu viele technische Erwartungen und Visionen gegeben, die dann doch nicht eingetreten sind oder zumindest erst viel später in abgewandelter Form.

Sie haben jetzt gerade bezogen auf Themen und Tätigkeitsfelder sehr stark auf die personalen und sozialen Kompetenzen abgehoben. Welche Vision haben Sie für das Leben in zehn Jahren? Haben wir dann mehr Couch Potatoes? Die Medienjunkies, die nur noch durch die virtuellen Angebote so gefangen sind, dass sie das wirkliche Leben verpassen. Oder haben wir eine unglaubliche Erweiterung von menschlichen Kompetenzen?

Als Historikerin stehe ich dem gelassen gegenüber. Man hat einen anderen Blick auf aktuelle Ereignisse, die sich in der historischen Rückschau dann häufig relativieren. Natürlich gibt es auch Erfahrungen, insbesondere in der Politik, die genau das Gegenteil beweisen, d.h. da brachte die Zukunft sehr viel mehr Veränderungen als befürchet oder erhofft.

Für unser Thema müssen wir uns nur anschauen, welche einschneidenden Veränderungen es gegeben hat. Es hat immer Unterschiede in der Gesellschaft gegeben. Die Bildungs- und Berufschancen waren nie ausgeglichen. Es hat immer Leute gegeben, die passiv waren, keine Chancen erhielten oder einfach so das Leben an sich vorbeiziehen ließen. Und es gab immer Leute, die aktiv waren. Die Medien sind Werkzeuge des Menschen und es hat sich eine unglaubliche Erweiterung der Horizonte, der Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten durch Zeitung, Radio, Telefon, Fernsehen und Internet ergeben.

Ein wichtiges gesellschaftliches Thema wird die Frage der Medienüberwachung und Medienkontrolle sein. Wer kontrolliert wen und in welchem Ausmaß? Was können wir überhaupt noch kontrollieren und verstehen? Eltern kaufen heute für ihre Kinder Handys, damit diese immer erreichbar sind. Über Handy und GPS wird man in wenigen Jahren orten können, wo sich das Kind befindet – technisch ist das natürlich jetzt schon machbar. Das ist eine Form der Kontrolle, die die Eltern positiv empfinden. Umgekehrt – auf sie angewendet – würden sie eine solche allumfassende Kontrollmöglichkeit ab wahrscheinlich rundweg ablehnen.

Auf der anderen Seite können Eltern z.B. die immer vielfältigeren Medienangebote gar nicht mehr überblicken und wirklich erfassen, mit was sich das Kind beschäftigt. Hier ist Kontrolle nicht mehr möglich, was Eltern vielfach verunsichert. Da ist dann Vertrauen und eine Erziehung des Kindes zu einer starken Persönlichkeit vonnöten.

Aber das reicht als Grundfrage natürlich in die ganze Gesellschaft: Das Individuum in dieser stark technisierten Welt kontrolliert und wird kontrollierbarer, wo sind Chancen und wo sind Grenzen - das wird ein Zukunftsthema sein.

Ich bin aber ein grundlegend optimistischer Mensch. Filmsehen wird ja heute schon als kulturelle Leistung bewertet, das muss man sich mal überlegen und mit den fünfziger Jahren vergleichen. Erfindungen wie das Telefon oder das Radio haben immer erst Befürchtungen um das kommunikative und kulturelle Miteinander ausgelöst - die Menschen kommen nicht mehr zusammen, sie gehen nicht mehr in die Oper. Das sind alles Dinge, die sich nicht bewahrheitet haben.

Die Bewertung der traditionellen Kultur wurde ja auch erweitert. Das Rockkonzert hat schon fast einen ähnlichen Stellenwert wie die Oper.

Diese Veranstaltungen haben ja ihren Reiz behalten, vielleicht hat er sogar zugenommen, dass Leute sich treffen und etwas zusammen unternehmen. Das gilt sowohl für kulturelle Veranstaltungen als auch für z.B. Computeraktivitäten – seien es die LAN-Partys im großen Stil oder die zwei Freunde, die gemeinsam den PC aufrüsten. Und selbstverständlich entwickelt sich auch im Medienzeitalter die Kultur weiter, die Videokunst ist ja inzwischen ein alter Hut, und auch Musikvideos haben ihren eigenen Stellenwert. In der Kölner Kulturlandschaft spielt z.B. seit vielen Jahren die elektronische Musikszene eine sehr große Rolle.

Moderne Gesellschaften haben ja eine Tendenz, gerade vor dem Hintergrund von Globalisierung, bestimmte Migranten, die vielleicht jetzt auch verstärkt zu uns kommen, nicht mehr zu integrieren, sondern es entwickeln sich Parallelgesellschaften. Siehst Du da eine Aufgabe für Bildung und Pädagogik und Medien?

Auf jeden Fall, neben Gender Mainstreaming und Medienpädagogik ist die interkulturelle Arbeit und interkulturelle Bildung die dritte Querschnittaufgabe, die in Zukunft eine ganz große Bedeutung haben wird.

Da sind natürlich die Medien und die Medienpädagogik gefordert, die neue Gesellschaft und die verschiedenen Rollenmodelle zu reflektieren und zu analysieren. Bildung insgesamt ist gefordert, dafür zu sorgen, dass wir alle Menschen, mitnehmen, also gerade auch Menschen mit Migrationshintergrund. Das JFC Medienzentrum realisiert seit Jahren in der interkulturellen Arbeit Medienprojekte. Wichtig war uns dabei immer, die Akteuere in den verschiedenen Handlungsfeldern zusammenzubringen, also die medienpädagogische Arbeit, die soziokulturelle Arbeit und die Bereiche, die sich schwerpunktmäßig mit der Beratung und Förderung, z.B. Sprachförderung von Migranten befassen. Aktuell sind wir am internationalen Projekt „CREAM“ beteiligt, in dem es darum geht, Migranten und Medienberufe sowie Migranten und Medienpräsenz stärker in den Blick zu nehmen. Außerdem arbeiten wir an Projektkonzepten unter dem Stichwort „Urban Culture“, in denen es darum geht, junge Menschen mit ganz unterschiedlichen Backgrounds zur medialen Auseinandersetzung mit ihrem Leben, ihren Perspektiven und ihrer jugendkulturellen Verortung anzuregen. Es geht – wie meistens in unserer Arbeit – um Lebenswelt und Persönlichkeitsförderung. Es gilt, Angebote und Rahmenbedingungen zu schaffen, die auf das aufbauen, was die Jugendlichen mitbringen – sie da abzuholen wo sie stehen und den Dialog miteinander zu fördern. Es ist wichtig ihre Stärken zu fördern und darüber dazu beizutragen, dass sie ihren Platz in der Gesellschaft finden, integriert werden und die Gesellschaft, in der sie leben, auch mitgestalten.

Es gibt auch Staaten, die mit Parallelgesellschaften eigentlich ganz gut leben, Beispiel die Vereinigten Staaten. Chinatown ist eine teilautonome Parallelgesellschaft in New York, wo viele Menschen noch nicht mal richtig Englisch sprechen. Deswegen geht Amerika nicht unter.

Amerika ist auch ein großes, starkes Land, das in der heutigen Form auf Einwanderung gründet. In Europa sieht das etwas anders aus. Wir haben in Europa schon früh starke Nationalstaaten gehabt. In Deutschland haben wir dazu noch unsere Bundesländer, die Wert darauf legen, dass sie ihren eigenen Charakter haben. Das ist selbstverständlich in Ordnung. Ich spreche mich auch nicht dagegen aus, dass die Menschen aus den verschiedensten Kulturkreisen zusammen bleiben und ihre Kultur pflegen. Aber um der Bildung und der Teilhabe an der Gesellschaft Willen ist es in einem Europa, das aus vielen unterschiedlichen Völkern mit unterschiedlicher Geschichte zusammen wächst, wichtig, dass wir eine gemeinsame Sprache haben, um bei aktuell 21 anerkannten Amtsprachen in Europa miteinander kommunizieren zu können. In Amerika spricht ja auch das Gros der Menschen die englische Sprache. Es ist von Vorteil, wenn sowohl auf nationaler Ebene als auch international Kommunikationsfähigkeit da ist – also konkret alle in Deutschland wohnenden Menschen Deutsch und Englisch können. Zugespitzt formuliert halte ich in Anbetracht der Globalisierung den kaum deutsch sprechenden Duisburger Türken daher auch erstmal nicht für ein wesentlich größeres Problem als den kein englisch sprechenden alteingesessenen Deutschen.

Das hieße in der Konsequenz, dass alle in Europa Englisch sprechen müssen.

Das würde es vereinfachen. Ich glaube schon, dass es wichtig ist, eine gemeinsame Sprache zu haben, und die Tendenz geht meines Erachtens dahin. Es sollte eine Sprache geben, auf die man sich in Europa verständigt. Aber genau so wichtig ist es, dass die eigenen kulturellen Wurzeln und die eigene Sprache bestehen bleiben und auch gefördert werden.

Ist Globalisierung ein Prozess, der eher neue Möglichkeiten eröffnet oder der letztendlich die gesamten Rahmenbedingungen für Medien und Bildungsarbeit total einschränken wird?

Die Globalisierung ist ja ein sehr komplexes Thema, so dass es keine einfachen Antworten geben kann. Sie ist ein Prozess, der viele Chancen eröffnet, viele neue Probleme bringt und wohl auf jeden Fall unaufhaltsam voranschreitet. Eine der zentralen Fragen ist sicher, wie verhindert werden kann, dass Teile der Welt und der Gesellschaft bei diesen Prozessen auf der Strecke bleiben. Bezogen auf unser Themengebiet ist natürlich anzumerken, dass Medien sehr viel mit der Globalisierung zu tun haben. Wir können Fernsehbilder aus allen Teilen der Welt empfangen, im Internet präsentieren sich völlige fremde Welten und neben der Fernsehberichterstattung gibt es authentische Internetberichte über Kriegs- und andere Konfliktsituationen. Die Welt wird kleiner und die Medien spielen hierbei eine ganz große Rolle. Das hat natürlich auch Konsequenzen für die Bildungsarbeit. Für den modernen Menschen in dieser medienbestimmten Welt ist es wichtig, mit Medien auch kritisch und selbstbewußt umzugehen. D.h. auch zu prüfen, was wird einem an Informationen präsentiert, wie habe ich diese zu bewerten, wie kann ich mir selber Informationen verschaffen und wie kann ich selber welche vermitteln. Wir sollten als Konsumenten oder auch als aktive Nutzer unbedingt auch kritisch mit den Medien selbst umgehen und von den Machern, vor allem von den Massenmedien, den großen Informationsmedien, Fernsehen, Zeitung stärker Selbstverantwortung einfordern.

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