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Uwe Sander
Wie wird man eigentlich medienkompetent?

Es ist sicherlich ein Verdienst Dieter Baackes, den Kompetenzbegriff, wie er etwa von dem Linguistikforscher Chomsky und auch von Jürgen Habermas im sozialwissenschaftlichen Theoriegebrauch benutzt wurde, mit Medien in Verbindung gebracht zu haben. Begriffsgeschichtlich stammt der Kompetenzbegriff zunächst aus einer ganz anderen Disziplin, nämlich der Biologie, und meint dort die Fähigkeit von Zellen, auf Entwicklungsreize zu reagieren.
In der sozialwissenschaftlichen Rezeption des Kompetenzbegriffes gewinnt seine Bedeutung an Varianz. Es ist damit nicht mehr nur die Fähigkeit gemeint, dass bestimmte Reize eine genetisch festgelegte Reaktion (einen Entwicklungsprozess) provozieren. Angewendet auf Kommunikation in einem weiten Sinne bezeichnet Kompetenz die Fähigkeit, prinzipiell über die Richtigkeit jedes Kommunikationsaktes entscheiden zu können und eine prinzipiell unbegrenzte Variation von Worten, Sätzen und Handlungen produzieren zu kˆnnen.
Ein mit kommunikativer Kompetenz versehener Mensch kann also Wortkombinationen und Sätze verstehen, die er nie zuvor gehört hat, und er kann auch Sprachkombinationen entwickeln, die er vorher noch nie benutzt hat. Kommunikative Kompetenz verweist demnach auf die der Sprache und der menschlichen Sprachbeherrschung inhärente Fähigkeit, Sprechen und Verhalten frei variieren - generieren - zu können; wobei ein Schritt darin bestünde, diese generative Kompetenz über Performanz in konkretes kommunikatives Handeln umsetzen zu können.
Damit besitzt kommunikative Kompetenz eine ganz bestimmte Wissensqualität. Sie meint kein inhaltlich bestimmtes Wissen, sondern verweist auf die generative Fähigkeit, in spezifischen Sprechsituationen aäquates Wissen aktualisieren, generieren und interpretieren zu können - eben sprach- bzw. kommunikationsähig zu sein. Anthropologisch festgelegt ist allerdings lediglich die Voraussetzung der Möglichkeit, dass Menschen kompetent kommunizieren und handeln können. Zu welchen faktischen Kommunikationsleistungen sie in der Lage sind, hängt neben individuellen Veranlagungen ab von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen die Menschen leben, und von den Lern- und Sozialisationsprozessen, die sie durchlaufen. Mit anderen Worten heißt das: Während Sprachkompetenz von der Kategorie her allen Menschen von der Anlage her gegeben ist, unterscheiden sich dieselben Personen auf der Performanzebene deutlich. Sprachperformanz besitzt demnach eine Genesis, sie wird entwickelt, sozialisiert, und zwar in Hinsicht spezifischer Umwelt- und Kontextvariablen.
Bezieht man Kompetenz auf den kognitiven, ästhetischen und handelnden Umgang mit Medien, dann kann nicht mehr wie bei linguistischen oder biologischen Kompetenzmodellen davon ausgegangen werden, dass auch Medienkompetenz anlagebedingt vorhanden sei. Auf Medien bezogen kann Kompetenz nur bedeuten: das lebensgeschichtlich kumulierte Wissen um Medien und die ansozialisierten Umgangsweisen mit Medien, z.B. in der Aufteilung Baackes nach

  • Medien-Kritik, die ein Individuum befähigt, reflexiv über Medienphänomene urteilen zu können,
  • Medien-Kunde, d.h. das sachliche Wissen über Medien, ihre Inhalte sowie das gesamte Mediensystem,
  • Medien-Nutzung als im Idealfall selbst gesteuerte Rezeption und
  • Medien-Gestaltung als im Idealfall aktiver Umgang mit Medien bis zur eigenen Medienproduktion.
An dieser Stelle wird nun die Frage interessant "Wie wird man eigentlich medienkompetent?"
Bislang wurde in der Medienpädagogik diese Frage kaum gestellt und vielfach sogar beiseite gedrängt. Vorschnell wurde mit Medienkompetenz die Hoffnung verbunden, damit ausgestattete Heranwachsende würden sie irgendwie erlangen und seien damit gegen die möglichen Gefährdungen der Mediengesellschaft gefeit. Das Konzept der Medienkompetenz reagiert somit auf das Dilemma, was denn zu tun möglich bleibt, wenn die Medialisierung vieler Lebensbereiche voranschreitet und alle Heranwachsenden erreicht, die klassische Bewahrfunktion der Medienpädagogik jedoch nicht mehr durchzuhalten ist.
Das Konzept der Medienkompetenz als neue Schutzfunktion vor potentiellen Mediengefährdungen muss jedoch, will es glaubhaft erscheinen, einen Wandel im Sozialisationsverhältnis junger Menschen unterstellen. Lange Zeit vermutete man den aktiven Part der Sozialisation bei den jugendspezifischen Sozialisationsinstanzen, zu denen neben Schule, Elternhaus und Peers auch die Medien gerechnet werden. In den letzten Jahren haben jedoch innerhalb der Kindheits- und Jugendforschung Verschiebungen in Richtung des aktiven Jugendlichen stattgefunden, und diese Akzentverschiebung hat ihren Niederschlag auch in der Medienpädagogik gefunden. Nicht mehr allein die Sozialisationsinstanzen erziehen und prägen die Heranwachsenden, sondern auch die Kinder und Jugendlichen konstituieren durch ihre Aktivitäten und Handlungen die Phasen des Aufwachsens.
Der medienbezogene Sozialisationsansatz versteht Mediensozialisation in der neuen Definition nicht mehr nur als "Sozialisation durch Medien", sondern auch als "Sozialisation zur Mediennutzung". Im Unterschied zu einer traditionellen Sozialisationsperspektive eignen sich die Heranwachsenden nun selbst im Prozess der Mediennutzung die Medienkompetenz an, die es ihnen erlaubt, Medien für sich zu nutzen, den souveränen Umgang mit ihnen zu erlernen, eine ihnen angemessene Decodierfähigkeit zu entwickeln, sie sinnvoll und kreativ in ihrem Alltag einzusetzen oder auch - als pädagogisch negativ zu bewertendes Phänomen - sich ihnen untertan zu machen. Da allerdings nicht davon ausgegangen werden kann, dass sich alle Heranwachsenden gleichermaßen und erfolgreich die notwendige Medienkompetenz aneignen können, die sie zur Bewältigung ihrer Medienwelt benötigen, bleibt der Medienpädagogik die (schwierige) Aufgabe, die Entwicklung von Medienkompetenz zu stützen und zu fördern.

Wenn Medienkompetenz also nicht wie Sprachkompetenz anthropologisch vorgegeben sein kann, sondern erworben und auch pädagogisch unterstützt werden muss, dann ist es wichtig, mehr über die Entstehung (Genesis) von Medienkompetenz zu wissen. Dieses Feld ist bislang allerdings nur unzulänglich erforscht worden.
In einem Forschungsprojekt, an dem auch Dieter Baacke beteiligt war, wurde deshalb am Beispiel von Werbung untersucht, wie und woher Kinder die Fähigkeit erwerben, Werbung als solche zu erkennen und auch die Motive von Werbung in den Medien zu durchschauen (vgl. Baacke, Dieter/Sander, Uwe/ Vollbrecht, Ralf u.a. 1999: Zielgruppe Kind: Kindliche Lebenswelten und Werbeinszenierungen. Weinheim/München: Juventa). Dieses Projekt stellt erst einen Anfang dar.
Um noch genauer und vor allem allgemeiner auf (Neue) Medien bezogen die Entwicklungslogik von Medienkompetenz zu untersuchen, wird diese Forschungstradition fortgeschrieben in einem derzeit laufenden Forschungsprojekt Medienwelten Jugendlicher (durchgeführt von Klaus Peter Treumann, Universität Bielefeld/ Dorothee M. Meister, Martin-Luther- Universität Halle-Wittenberg/ Uwe Sander, Universität Rostock). Das "Wie wird man eigentlich medienkompetent?" bezieht sich in dieser Untersuchung auf das Phänomen, dass sich viele Jugendliche anscheinend mühelos einige Aspekte von Medienkompetenz (z.B. Mediennutzung und bestimmtes Wissen über Medien) aneignen, und zwar zumeist in informellen und jugendkulturellen Kontexten. Medienkritik und (kreative) Mediennutzung hingegen bleiben dabei häufig auf der Strecke.
Benötigt werden im Jugendalter andere und vielleicht auch medienpädagogisch angeleitete Förderungen, damit Medienkompetenzen bei Heranwachsenden kein Ungleichgewicht in den vier von Dieter Baacke aufgeführten Teilaspekte von Medienkompetenz (Medien-Kritik, Medien-Kunde, Medien-Nutzung, Medien-Gestaltung) erhalten.